Zum Wochenende: Trau, schau, wem

  Ralf Hersel   Lesezeit: 4 Minuten

Durch die starke Bindung von Online-Accounts an eine E-Mail-Adresse wird der Umzug zu einem anderen E-Mail-Anbieter zu einer grossen Aufgabe.

zum wochenende: trau, schau, wem

Das Sprichwort „Trau, schau, wem“ ist eine klassische Lebensweisheit, die zur Vorsicht im Umgang mit anderen Menschen mahnt. Es ist kurz, prägnant und hat eine lange Tradition. Der Satz ist eine Warnung vor blindem Vertrauen. Grammatikalisch handelt es sich um eine sogenannte Ellipse (eine Satzverkürzung). Ausgeschrieben würde der Satz bedeuten:

„Traue, [aber] schau [vorher genau hin], wem [du dein Vertrauen schenkst].“

Die Kernaussage ist:

  • Gesunde Skepsis: Man sollte nicht jedem sofort alles glauben oder sich jedem anvertrauen.
  • Prüfung: Bevor man eine Bindung eingeht oder Geheimnisse teilt, sollte man den Charakter des Gegenübers prüfen.

Das Sprichwort lässt sich nicht auf einen einzelnen Erfinder (wie Goethe oder Luther) zurückführen. Es handelt sich vielmehr um die Eindeutschung einer lateinischen Maxime, die im Mittelalter und der frühen Neuzeit in ganz Europa verbreitet war.

  • Das lateinische Original: Fide, sed cui, vide. Wörtlich: „Vertraue, aber wem, das sieh dir an“
  • Besonders populär wurde der Spruch im 16. und 17. Jahrhundert. Man fand ihn häufig:
    • Als Inschrift an Häusern (Hausspruch).
    • Auf Waffen (z. B. Degenklingen).
    • In sogenannten Stammbüchern. Das waren die Vorläufer der heutigen Poesiealben, in die sich Studenten und Reisende gegenseitig Sprüche und Wappen eintrugen. „Trau, schau, wem“ war damals ein sehr beliebter Eintrag, da Reisen und neue Bekanntschaften oft gefährlich waren.

Don't call us, we won't call you!

Nun öffnet einmal euren Passwortmanager und schaut, welche Internet-Accounts mit einem eurer (oder nur einem) E-Mail-Konten verbunden sind. Bei mir sind es gut 400 Einträge, die sich auf eine einzige E-Mail-Adresse beziehen. Ich habe mein GMX-Konto am ? eröffnet. Das Fragezeichen ist symptomatisch für viele Internet-Dienste. Dort findet man keine konkreten Kontaktmöglichkeiten, sondern nur noch Hilfeseiten, die keine Hilfe leisten, oder KI-Bots, die auf Abwimmeln trainiert sind. Die mittleren oder grossen Internet-Dienste empfinden ihre Kunden als lästiges Übel. Man ist lediglich an einer Einwegkommunikation interessiert; wehe dem Kunden, der mit der Firma kommunizieren möchte.

Als Kunde wünsche ich mir eine Kommunikation auf Augenhöhe. Anbieter, die diese Selbstverständlichkeit nicht bieten, sind für mich keine ernstzunehmenden Lieferanten. Wer mein Geld, meine Daten, meine Aufmerksamkeit nimmt, sollte zumindest einen fairen Rück-Kanal anbieten. Was hilft, ist: verzichten oder kündigen.

Digitale Identität

Hunderte Konten hängen von einer E-Mail-Adresse ab. Was, wenn euch dieser E-Mail-Anbieter nicht mehr gefällt, die Firma pleitegeht oder sonst etwas geschieht? Dann steht ihr im Regen, weil ihr euer Amazon, Booking, Gemeinde, Verein, Verkaufsplattform, Codeberg, Zeitung, Meetings, Chat, KI-Portal, Frauenhaus, Musik-Forum, Fussball-Verein, Fluggesellschaft, Öffentlicher Verkehr, Bankkonto, Supermarkt nicht mehr erreichen könnt?

Ein E-Mail-Konto ist eure digitale Eintrittskarte zu fast allem, was ihr jeden Tag verwendet und benötigt. Diese digitale Identität verwendet ihr hundertmal öfter, als euren Personalausweis (Identitätskarte). Dabei verlasst ihr euch auf irgendwelche kommerziellen Dienste wie GMX, Gmail (Google), Apple, Microsoft, usw. Da frage ich mich und euch, ob wir noch alle Kerzen auf der Torte haben?

Gut gebrüllt, Löwe!

Nun könnte man einfach den E-Mail-Anbieter wechseln. Der eigentliche Wechsel ist zwar einfach, aber die Account-Bindung vom alten E-Mail-Anbieter zum neuen ist eine Riesenarbeit. In meinem Fall müsste ich 400 Konten ändern, was mich bisher von einem Wechsel abgehalten hat. Ausserdem stellt sich danach die Frage, was man mit dem Wechsel überhaupt gewonnen hat. Nun hat man eine neue E-Mail-Adresse und in mühevoller Arbeit alle Konten umgezogen. Doch eigentlich ist man in der gleichen Situation wie vorher. Was ist, wenn einem der neue E-Mail-Anbieter irgendwann auch nicht mehr passt? Und wohin soll man denn umziehen? Wahrscheinlich zu einem Anbieter für sichere E-Mail-Konten. Also etwa Proton, Tuta oder Mailbox.org usw. Oder vielleicht zum E-Mail-Service, den man bei einem Webhosting ohnehin bekommt.

Auf jeden Fall macht eine Adresse, die an eine eigene Domain gebunden ist, Sinn, also z. B. ralf.hersel@meinedomain.ch. Damit ist man zumindest unabhängig von einem bestimmten Anbieter. Falls der Hoster vom Markt verschwindet, kann man dieselbe Adresse bei einem anderen Hoster einrichten. Das geht natürlich auch bei den klassischen E-Mail-Anbietern. Gegen Bezahlung erhält man dort eine Adresse mit eigener Domain.

Warum braucht man überhaupt eine E-Mail-Adresse, um ein Konto bei einem Dienstleister einrichten zu können? Ganz einfach, weil man einen persönlichen Kommunikationskanal braucht. Theoretisch könnte das auch ein Messenger wie Signal, Threema oder Matrix sein. Der Vorteil von E-Mail ist die Homogenität (Protokoll), die weite Verbreitung und die Föderiertheit. All das ist bei Messengern (noch) nicht gegeben. Ausserdem hat man hier dasselbe Problem beim Umzug der Accounts, wenn man z. B. von Signal zu Threema wechselt.

Die persönliche Identifikation bei einem Online-Dienst liesse sich auch mit dem elektronischen Personalausweis (e-ID) bewerkstelligen. Doch dabei fehlt der Kommunikationskanal. Was soll geschehen, wenn man auf "Passwort vergessen" klickt?

Fazit

Durch die Bindung von Online-Konten an eine E-Mail-Adresse entsteht über die Jahre eine starke Abhängigkeit vom E-Mail-Anbieter. Ein Umzug zu einem anderen Anbieter ist mit grossem Aufwand verbunden. Hat man eine Adresse mit eigener Domain, ist der Umzug wesentlich einfacher.

Wie seht ihr das? Habe ich etwas vergessen? Gibt es bessere Lösungen?

Titelbild: https://pixabay.com/vectors/envelop-email-web-download-25139/

Quellen:

https://lexicanum.de/allgemein/trau-schau-wem-bedeutung/

Tags

E-Mail, Umzug, Konto

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