Alte Technik, neue Freude

  Lioh Möller   Lesezeit: 6 Minuten  🗪 5 Kommentare Auf Mastodon ansehen

Oder wie es mir gelungen ist, einem alten Linux-Smartphone neues Leben einzuhauchen.

alte technik, neue freude

Ich war immer schon begeistert, wenn Menschen es geschafft haben, auch auf einer schwachen Hardware eine ansprechende User-Experience zu realisieren. Es gibt bereits einige Linux-Mobiltelefon-Betriebssysteme, denen genau das gelungen ist. Erstmals hatte ich dieses Gefühl, als ich das Nokia N9 in den Händen gehalten habe. Ich hatte mich für die Variante in Blau entschieden und das Design sowie die Haptik des Handys haben mich sofort abgeholt. Auch Jahre später gibt es immer wieder Menschen die versuchen dem Gerät ein neues Leben einzuhauchen.

Die positiven Entwicklungen sind damals leider auch an Microsoft nicht unbemerkt vorbeigegangen und mit der Übernahme von Nokia durch den Redmonder-Riesen, schien das kurze Glück auch schon wieder vorbei zu sein. Tatsächlich haben sich aber einige findige finnische Ex-Nokia-Entwickler unter dem Namen Jolla neu formiert und bereits kurze Zeit später das erste Jolla Phone lanciert. Und auch dem Jolla Phone gelang es auf vergleichsweise schwacher Hardware ein hervorragendes Benutzererlebnis zu generieren. Bedauerlicherweise traf dies nicht im gleichen Masse auf die Qualität der Hardware zu und mein Jolla Phone zerbröselte bereits nach wenigen Jahren in atomaren Staub.

Seitdem gab es kein vergleichbares Linux-Smartphone, auch wenn Jolla versucht mit einer aktuellen Crowdsourcing-Kampagne an vergangene Erfolge anzuknüpfen.

Und auch anderen Smartphone Betriebssystemen gelang dieser ressourcensparende Ansatz nicht. Google hatte bereits von Beginn an die Strategie 'Kill it with Iron' verfolgt, die besagt, dass Unzulänglichkeiten in der Software durch mehr Hardwareressourcen überspielt werden können. Das ist natürlich insofern begrüssenswert, als wir dadurch heute Smartphones zur Verfügung haben, dessen Hardware meinen Eee PC, auf dem ich diesen Artikel schreibe, um Längen überbietet.

Heute soll es aber nicht um Handy-Archäologie gehen, sondern ganz konkret um ein bestimmtes Gerät, und zwar das PinePhone. Tatsächlich entspricht das PinePhone nur im schwachen Hardwareausbau den zuvor erwähnten Geräten. Das Design wirkt eher unattraktiv und ich habe dieses Gerät selbst auch nie besessen. Neben den engagierten Entwickler, die versucht haben, trotz der schlechten Voraussetzung irgendetwas Ansprechendes für das PinePhone zu entwickeln, halte ich das Gerät auch weiterhin nicht für ein gutes Vorzeigeobjekt, wenn es um Linux-Handys geht.

So ging es wohl auch vielen anderen Besitzern dieser Geräte und die meisten PinePhones sind wohl mittlerweile in Dachböden oder Schubladen verschwunden. Und genau da setzt bei mir mein Fürsorgeinstinkt ein und ich habe mich informiert, was heute technologisch noch damit möglich ist. Roland hat mir freundlicherweise sein PinePhone, das bereits etwas gelitten hat, für meine Tests zur Verfügung gestellt.

Ein Vor- und Nachteil vom PinePhone ist, dass man zumindest auf der ersten Version (nicht dem PinePhone Pro) ohne weiteres alternative Betriebssysteme von einer SD-Karte starten kann. Diese ist dann in der Bootreihenfolge als erstes eingestellt, was ein Testen deutlich vereinfacht.

Das Betriebssystem sollte auf moderner Technologie basieren und auch die Oberfläche sollte möglichst leichtgewichtig und dennoch einfach zu bedienen sein. Für diejenigen die auch ganz neuartige Bedienkonzepte nicht scheuen, soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass das Projekt sxmo einen Tiling Windowmanager für das Handy zur Verfügung stellt. Da wir das wiederzubelebende PinePhone aber gerne auch Nutzenden ohne Nerd-Ambitionen zur Verfügung stellen möchten, kam sxmo für diesen Versuch leider nicht infrage.

Fündig geworden bin ich in den Tiefen des Fediverse bei Catacomb. Das Projekt bezeichnet sich selbst als Catacomb - A Wayland Mobile Desktop und besteht aus mehreren Einzelkomponenten:

  • Catacomb ein Wayland-Compositor für Linux-Smartphones. Er zielt darauf ab, eine reaktionsschnelle Fensterverwaltung zu bieten, ohne dabei auf nützliche Funktionen zu verzichten.
  • Kumo ein Webbrowser mit einer Benutzeroberfläche, die auf mobile Geräte mit Touchscreen im Hochformat optimiert worden ist. Er ist für den Betrieb auf Low-End-Hardware mit begrenzter Akkulaufzeit geeignet.
  • Charon eine für Mobilgeräte optimierte Wayland-basierte Karten- und Navigationsanwendung.
  • Tzompantli ein minimalistischer Anwendungsstarter für Telefone mit Wayland.
  • Epitaph ein Wayland-Panel, das sich darauf konzentriert, eine touchfreundliche Oberfläche für die Anzeige und Steuerung häufig genutzter Betriebssystemfunktionen bereitzustellen.
  • Gorm eine Wayland-Anwendung, mit der WLAN-Verbindungen über eine touchfreundliche und effiziente grafische Benutzeroberfläche konfiguriert werden können.
  • Pinax eine einfache Notiz-Anwendung für mobile Wayland-Systeme.
  • Tabula ein minimalistisches Wayland-Hintergrundbild-Tool, das eine bessere Benutzererfahrung auf Geräten mit dynamischen Bildschirmverhältnissen wie Smartphones bieten soll.
  • Aevum ein für Mobilgeräte optimierter Wayland-Wecker, der automatisch den Ruhezustand und Neustart mit optionaler Logind-Unterstützung verwaltet.
  • Alacritty eine mächtige OpenGL-Terminal-Applikation

Die meisten der Applikationen stammen aus der Feder des Entwicklers Christian Duerr, der als UndeadLeech im Fediverse unterwegs ist.

Dank des Web-basierten Image Builders gestaltet sich die Installation von Catacomb Linux als denkbar einfach. Dieser erstellt nach Auswahl der gewünschten Komponenten eine Abbilddatei, die dann auf die SD-Karte übertragen werden kann.

Das so erstellte Image basiert auf Arch Linux ARM, entgegen dem sonst sehr verbreiteten postmarketOS. Für letzteres werden aktuell die Catacomb Pakete ebenfalls portiert, sodass in naher Zukunft die Nutzung auch dort möglich sein wird.

Nach dem Start präsentiert sich die Oberfläche aufgeräumt. Am unteren Bildschirmrand findet man eine weisse Linie über die eine on-screen Tastatur aktiviert werden kann. Ein Pull-Down vom oberen Bildschirmrand öffnet das Epitaph Panel, mit dem grundlegende Einstellungen wie das Steuern der Bildschirmhelligkeit, und des Zoom-Faktors vorgenommen werden können. Auch die Bildschirmdrehung lässt sich dort fixieren und eine Taschenlampen-Funktion ist ebenfalls verfügbar.

Über einen langen Druck auf die Hardware-Power-Taste öffnet sich der Applikations-Starter Tzompantli. Dort lässt sich auch das Telefon neu starten oder herunterfahren. Der Starter zeigt alle verfügbaren grafischen Applikationen an. Über das Steuerrad in der Mitte können Applikationen ein- oder ausgeblendet werden.

Wechseln oder schliessen lassen sich geöffnete Applikationen durch einen Wisch vom unteren Bildschirmrand nach oben.

Eine einfache Tiling-Funktionalität rundet das Benutzererlebnis ab.

Aktuell ist es mit dem Image Builder möglich Abbilder für das PinePhone, das PinePhone Pro sowie das Fairphone 5 zu erzeugen.

Insbesondere das PinePhone profitiert sehr von der schlanken und performanten Benutzeroberfläche. Dennoch darf man von dem Gerät nicht zu viel erwarten. Der Image-Builder erlaubt zwar auch Anwendungen wie den Firefox Browser mitzuintegrieren, die Hardwareausstattung des Gerätes ist für eine effektive Nutzung des Browsers jedoch viel zu schwach.

Wer mit etwas Einfallsreichtum und Begeisterung an die Wiederbelebung des Staub ansetzenden PinePhones geht, wird wohl wie ich Gefallen an dieser Lösung finden. Und falls ihr noch ein passendes Hintergrundbild sucht, dann schaut doch mal bei mononoir auf Pixelfed vorbei. Der französische Künstler Pierre Barraud de Lagerie hat eine einzigartige Scratchboard-Technik entwickelt und nutzt zur Erstellung seiner Werke MsPaint und Krita.

Quelle: https://catacombing.org/

Tags

PinePhone, linuxmobile, catacomb, Alarm, Arch Linux ARM

Mancus Nemo
Geschrieben von Mancus Nemo am 6. März 2026 um 16:01

Fairphone 5 das ist gut, das habe ich selber.... könnte also spannend werden, wenn der LineageOS Support ausläuft und dort immer noch was kommt, dann steig ich danach da hin um. Das wäre perfekt...

Rainer Dorsch
Geschrieben von Rainer Dorsch am 6. März 2026 um 20:21

postmarketOS läuft auf dem Google Pixel 3a super. Hardwareseitig fällt mir nur der Fingerabdruckleser ein, der nicht unterstützt wird.

Kurt Andro
Geschrieben von Kurt Andro am 7. März 2026 um 06:11

Habs gerade auf meinem Pinephone (nicht Pro) getestet. Läuft. Browser spielt sogar YT-Videos ruckelfrei. Bin auf weitere Entwicklung gespannt.

Michel
Geschrieben von Michel am 10. März 2026 um 09:36

Ich denke, dass zukünftig solche Image builder zu einem Erfolgsfaktor werden können. Am liebsten wäre es, wenn man sowas, so einfach zu benutzen selber Hosten könnte und ich am Ende nur eine Art Rezept beziehe.

Den Grund sehe ich darin, dass die Anwendungsentwicklung, das System, die Firmware und deren Quirks besser separat entwickelt und für alle Anbieter zur Verfügung gestellt werden könnten.

Ich sehe das Problem z.B. auch bei Game on Whales. Sie bieten verschiedene docker Systeme an, die halt teilweise komplexe Systeme via Docker emulieren aber selten Updates liefern. Wenn mein Server als Proxy dienen könnte und die erforderlichen Pakete selber zusammen kopiert, könnte ich auch einfacher an Testszenarien teilnehmen.

Die Schwierigkeit ist halt die Komplexität eines z.B. Dockerfile in so was einfaches wie das von catacomb weiter zu entwickeln.

Lioh Möller
Geschrieben von Lioh Möller am 12. März 2026 um 07:39

Es gibt es tolle neue Weiterentwicklungen. Der Browser Kumo bietet bald die Möglichkeit, die Browser-Engine einfach umzuschalten, zwischen Servo und WebKIT. Das finde ich wirklich genial! Aber schaut selbst: https://fosstodon.org/@UndeadLeech/116214430078696020