Die Google Hegemonie

Mi, 25. Januar 2023, Lioh Möller

Ich habe es versucht, ich habe es wirklich versucht. Lange Zeit kam ich ohne sie aus: die Google Play-Dienste. Als stolze Besitzerin eines der ersten offiziellen Ubuntu Phones (Bq Aquaris E4.5) habe ich eigentlich nichts vermisst. GPS und Karten gab es nicht. Das Bahnticket war analog und zur Nutzung des Online-Bankings kam ein externes Gerät zum Einsatz.

Doch als eine zeitgemässe Nutzung des Ubuntu Telefons auch aufgrund der verbauten Hardware nicht mehr möglich war, habe ich mich erstmals für ein Android Handy der Marke Oppo entschieden. Zuvor hatte ich ausschliesslich Linux basierte Telefone im Einsatz, wie beispielsweise das Jolla Phone, im Einsatz.

Beim Kauf des Oppo Gerätes habe ich lediglich auf die Specs und den Preis geachtet und mir kaum Gedanken über die Verfügbarkeit Freier ROMs gemacht. Leider hat sich herausgestellt, dass sich nicht einmal der Bootloader des Gerätes entsperren lässt, und somit eine Nutzung eines alternativen ROMs quasi verunmöglicht wurde.

Während der Nutzung des Android Telefons haben sich in meinen Workflow einige Komfortfunktionen eingeschlichen. Die Bahnkarte ist in der App verfügbar. Zahlungen tätige ich unter anderem mit der App Twint, ich nutze Google Maps zur Navigation, da diese sehr adäquat ist und auch Fahrpläne anzeigt. In der Schweiz erfolgt Banking mittlerweile fast ausschliesslich über die Handy-App und via QR-Rechnungen, welche sich direkt mit dem Gerät einscannen lassen.

All diese Abläufe setzen Google Play Services voraus. Mein schlechtes Gewissen hat mich vor Weihnachten dennoch gepackt und ich habe mich entschieden, mir ein Google Pixel Gerät anzuschaffen, da diese Handys interessanterweise von Freien ROMs am besten unterstützt werden. Zunächst habe ich es mit Ubuntu Touch probiert, da mir die Bedienoberfläche immer gut gefallen hat. GPS funktioniert dort nahezu gar nicht und somit ist eine Nutzung der Karten Apps (Pure Maps oder uNav) de facto unmöglich. Die Banking-Software funktioniert trotz guter Android Unterstützung mittels Waydroid nicht und somit ist auch kein Bezahlen via Twint möglich. Das Bahnticket würde zur Not noch in Form einer Plastikkarte nutzbar sein, bedingt aber diese immer bei sich zu führen.

Alternativen zur Nutzung der Online-Banking Funktion meiner Bank gibt es nicht, insbesondere seit der Einführung von QR-Rechnungen.

Bei meinen nächsten Feldversuchen habe ich das Freie ROM CalyxOS installiert. Grundsätzlich wirkt es sehr aufgeräumt und kommt mit guten Standardapplikationen daher. Die Banking-Software lässt sich dank migroG nutzen, nachdem ich sie über den Aurora-Store installiert habe. Leider sind damit jedoch keine Zahlungen möglich. Beim Scannen von QR-Codes öffnet sich zwar die Kamera, der Code wird allerdings nicht erkannt. Auch ein manueller Import und händisch eingestellte Zahlungsaufträge sind nicht möglich.

Als Karten App wird Organic Maps vorgeschlagen, welches von den Grundfunktionen das wichtigste bietet. Bedauerlicherweise gehört eine Fahrplan-Integration zumindest in der Schweiz bisher nicht dazu. Dazu kommt, dass der GPS Sensor mit dem Freien ROM nicht ausreichend gut und zeitnah die Position erkennt. So kommt es immer wieder zu Verzögerungen und die Applikation lässt sich nicht sinnvoll nutzen. Auch eine Aktivierung der Mozilla Location Services brachte keine Verbesserungen. Dabei werden umliegende WLAN und Bluetooth Signale zur Verbesserung der Positionsgenauigkeit abgefragt.

Die App Twint lässt sich zwar installieren, aber auch nach Rückfrage beim Support nicht aktivieren.

In meinen persönlichen Workflow haben sich somit unbemerkt die Google Play Dienste eingeschlichen. Ein öffentliches Bewusstsein dafür besteht kaum und manchen Menschen gelingt es ihren Arbeitsablauf an die Einschränkungen anzupassen. Für mich persönlich müsste ich zu viele Kompromisse eingehen und einige Dinge wären gar nicht mehr möglich.

Welche Lösungsansätze gäbe es für diese Situation? Zum einen sollte man auch Menschen, die sich nicht mit IT-Themen beschäftigen, darüber aufklären. Das betrifft letztendlich auch die Politik, welche durch Gesetzgebungen entsprechenden Druck aufbauen kann. Letztendlich müssen die Softwareanbieter (Banken, Zahlungsdienstleister, Bahnen, Zeitschriften, Karten uvm.) nachziehen und ihre Software so gestalten, dass diese auch ohne Play Services funktionsfähig ist.

Das schlecht bis gar nicht funktionierende GPS mit Freien ROMs mag gerätespezifisch sein, möglicherweise sind nicht alle Treiber-Komponenten voll integriert. Oder aber Google hat mit dem Abfahren von Strecken mit Google Maps Autos und dem Ermitteln von WLAN Netzwerken (was letztendlich ohne Einwilligung rechtlich auch fragwürdig ist), eine Vorarbeit geleistet, die kaum von einer Community erbracht werden kann. Falls diese Daten bisher nicht öffentlich verfügbar sind, sollte Google dazu angehalten werden, öffentliche Daten wie diese teilen zu müssen.

Die Mozilla Location Services erbringen zumindest zum bisherigen Stand nicht eine annähernd gute Qualität.

Was bedeutet dies nun? Kapitulation? Nein, Awareness schaffen und politischen Druck aufbauen. Weiterhin, wenn immer möglich, auf Freie Alternativen setzen. Falls es ohne Komfortverlust durchführbar ist, kann auch der eigene Workflow angepasst werden. Dies hängt immer von den verwendeten Applikationen und deren Nutzung im Alltag ab.

Unser Ziel sollte es sein, die erschlichene Abhängigkeit möglichst bald zu beenden und Freie Alternativen zu etablieren.

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Google, Play Services, MicroG, CalyxOS, ubtouch