Das US-Aussenministerium dehnt den Kulturkampf auf Schriftarten aus. Der Spiegel titelt:
Schriftart als Politikum
Mitarbeiter des US-Außenministeriums sollen Times New Roman statt Calibri nutzen
Calibri war wohl zu woke: US-Außenminister Marco Rubio kassiert eine Anordnung seines Amtsvorgängers und erklärt Times New Roman wieder zur offiziellen Schriftart. Es gehe um »Würde und Professionalität«.
Über diesen politisch motivierten Unsinn möchte ich mich nicht aufregen. Doch als ich das las, wurde mir die Bedeutung von Schriftarten bewusst. Die meisten von uns machen sich keine grossen Gedanken über Schriftarten. Vielleicht einmal, wenn man einen Flyer gestaltet und sich für Comic Sans entscheidet. Dennoch starren wir jeden Tag stundenlang auf Schriften, ohne uns zu fragen, ob Schriftarten einen Unterschied für uns persönlich bedeuten.
Wer sich mit Schriftarten beschäftigt, fällt schnell in das berühmte Kaninchenloch. Um nur an der Oberfläche zu kratzen, kann man sich auf die Unterscheidung zwischen serifenhaften und serifenlosen Schriftarten beschränken:
Bisher ging ich davon aus, dass sich Serifen-Schriften besser lesen lassen, da sie dem Auge mehr Details (die Serifen) bieten. Doch so einfach ist es nicht. Es kommt auch auf den Anwendungsfall an. Was in einem Brief in LibreOffice-Writer gut und leserlich aussieht, muss nicht für das Terminal, die Notizenanwendung oder den Code-Editor gelten. Insbesondere im letzten Fall, bevorzugen viele eine abstandsgleiche Schrift:
Hack Regular (in Geany)
Das Virtual Readability Lab an der University of Central Florida hat sich dieser Frage angenommen und eine Studie dazu publiziert (bisher nicht peer reviewed). Im Rahmen dieser Arbeit wurde auch ein Test entwickelt, mit dem ihr die für euch am besten lesbare Schriftart herausfinden könnt. In diesem Test, der etwa 10 Minuten dauert und eine hohe Aufmerksamkeit erfordert, werden euch eine Reihe von Texten mit unterschiedlichen Schriftarten und Inhalten präsentiert. Während des Lesens wird die Zeit gemessen, die ihr dafür braucht. Nach jedem Text werden Verständnisfragen gestellt. Alle Texte sind auf Englisch, weshalb gewisse Sprachkenntnisse vonnöten sind, um die Verständnisfragen beantworten zu können.
Ob dieser Test wissenschaftlichen Standards genügt, kann ich nicht beurteilen, aber ich habe meine Zweifel daran. Insbesondere die Tatsache, dass der Kontext ausser Acht gelassen wird, halte ich für fragwürdig. Wie dem auch sei, ich habe den Test durchgeführt und dieses Ergebnis erhalten:
Damit rangiere ich im durchschnittlichen Bereich, wenn es um die Geschwindigkeit geht, und im überdurchschnittlichen Bereich, was das Textverständnis betrifft. Darauf sollte man nicht zu viel geben, weil es sich um einen nicht muttersprachlichen Test handelt. Bestätigend fand ich das Ergebnis, weil Noto Sans tatsächlich eine von mir bevorzugte Schriftart ist. Ich schwanke zwischen Noto Sans und Adwaita Sans:
Im Screenshot seht ihr vermutlich überhaupt keine Unterschiede, doch es gibt sehr viele davon. Noto Sans ist raumiger und verwendet mehr Serifen (obwohl sie serifenlos ist) als Adwaita Sans. Der GNOME-Standard-Font wirkt kompakter und klarer. Wie war das mit dem Kaninchenbau? Ich beende den Artikel an dieser Stelle.
Wie seht ihr das mit den Schriftarten? Habt ihr Vorlieben oder beugt ihr euch dem US-Diktat und verwendet ab sofort nur noch "Trump New Roman (Empire)" als unwoken Font?
Titelbild: https://de.wikipedia.org/wiki/Fraktur_(Schrift)
Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Comic_Sans_MS
https://de.wikipedia.org/wiki/Rabbit_Hole
https://shaunwallace.org/files/Readability__TOCHI.pdf
https://run.pavlovia.org/ReadabilityLab/vrl_fastest_font_test/






Bei mir geht die Testseite nicht.
Error
Unfortunately we encountered the following error:
Try to run the experiment again. If the error persists, contact the experiment designer.
Danacht bleibt die Testseite weiß.
Einen Grund mehr, Times New Roman nicht mehr zu nutzen
Hoffentlich lesen T***ps Schergen diesen Artikel nicht, sonst wird wohl bald die Schriftart "Trump New Roman (Empire)" neu erstellt und verpflichtend in allen offiziellen US-Dokumenten einzusetzen sein. 😆
Zur Studie: Auch meiner Meinung nach kommt die mir nicht besonders wissenschaftlich fundiert vor, erfasst sie doch nur einen, einzigen Kontext: Das Lesen von Fließtext am Bildschirm. Allerdings würde ich von einem "Virtual Reading Lab" auch nur die Beschränkung auf diesen Kontext erwarten. Daher lässt sich auch nicht "die eine" Schriftart für alle Einsatzzwecke ermitteln. Es macht eben einen Unterschied, was man liest und worauf (Papier, PC-Bildschirm, Handy, Plakatwand, ...).
Um mit einer positiven Bemerkung abzuschließen: Wer sich noch nicht mit Typographie auseinandergesetzt hat und zwischen ähnlichen Schritarten keinen Unterschied wahrnimmt, der/die kann mit dem Programm aus dieser Studie ja mal die Unterschiede in nackten Zahlen für sich ermitteln.
Ich finde Adwaita Sans als serifenloses Font wegen seiner Klarheit sehr ansprechend und verwende Adwaita Sans deshalb gerne. Auch die 'Mono'-Variante verwende ich im Terminal.
Mein Votum ist ganz klar Comic Sans für die US amerikanische Administration, wenn sie schon von "Würde und Professionalität" sprechen. Dort lassen sich bestimmt auch Serifen hinzufügen. fg
Ich bin bei Atkinson Hyperlegible gelandet, nachdem ich ebenfalls mal im Font Rabbit Hole verschwunden war. https://www.brailleinstitute.org/freefont/
Inzwischen Atkinson Hyperlegible Next für Texte und Mono für alle Terminals.
Zur Erklärung: die freie Schriftart wurde entwickelt um besonders Menschen mit Lese- oder eher Sehschwäche zu unterstützen und Barrieren abzubauen. Alternativen wie "Neue Frutiger® 1450" kosten über 500 Euro und machen auch nur das was in der Norm DIN 1450 steht.
Hei, ansich ein interessanter Artikel. Aber so sehr ich mich freue, wenn Trumps Schergen sich lächerlich machen, aus dem Spiegelartikel kann man nur mit viel Gehessigkeit herauslesen, dass ihm die Schriftart zu woke war.
Ich glaube wir (links, rechts, oben, unten, Mann, Frau, Alle anderen) würden gut daran tun, nicht ganz so herablassend gegenseitig zu sein.
https://luciole-vision.com/
Ich habe den Test auch mal durchlaufen (hier funktionierte er): 292/min. Wörter mit dem Font Montserrat.
Fand ich interessant, weil mir der vor einer Weile schon mal völlig unabhängig ins Auge gefallen war, um ihn in einem Webprojekt zu benutzen, einfach ein "Oh, der gefällt mir"... Aber mehr habe ich damit noch gar nicht gemacht. Geschweige denn, meine Systeme entsprechend überarbeitet.
Ich hätte eine richtige Übersicht noch interessant gefunden (oder habe ich die übersehen?), worin mal zu sehen wäre, mit welcher Schrift (mit Schriftbeispiel) ich welche Lesegeschwindigkeit gehabt habe. Wie groß sind meine Unterschiede? Gab es große Unterschiede, oder schwankte alles um einen Wert, und der "schnellste Font" gewann mit 0.5 Worten/min. Vorsprung (und dann gerundet für das Ergebnis).
Oft verwende ich einfach die Lucida oder DejaVu Fonts, i.d.R. die Sans/Mono Varianten für Terminals und Editoren. Ich glaub, das hängt auch an der Tageslaune, welchen ich an dem Tag der Einstellung auswähle. Oder es ist bei Testsystemen oder einem, wo ich selten "direkt" drauf bin, mir einen gefälligen Font aus der installierten Liste auswähle und den einstelle. Irgendein akzeptabler Sans/Mono Font ist in der Regel vorhanden. Ich mache dann keine große Welle und muss noch meinen Lieblingsfont nachinstallieren.
Kann es sein, dass das oben gezeigte Beispiel der beiden Fonts Adwaita und DejaVu schlecht gewählt ist? Zumindest beim kleinen "t" von "Schriftart" sehe ich keinen großen Unterschied.
Ich finde jedoch nicht, das Schriftarten etwas mit einem "Kulturkampf" oder politischen Ansichten zu tun haben. Der amtierende Außenminister hat halt eine Anordnung seines Amtsvorgängers geändert. Solche Dinge passieren häufig wenn die Regierung wechselt.
Wer sich für das Thema interessiert, es wird hier noch etwas ausführlicher beschrieben und besser erklärt https://typetype.org/de/blog/serif-and-sans-serif-font-differences/
Mir kommt nur eine Font ins Terminal und die heisst 'Hack'
> Zur Begründung hieß es damals, die moderne, serifenlose Schriftart sei für Menschen mit Behinderungen besser zugänglich, da sie keine dekorativen eckigen Merkmale aufweise …
Wieso hat man damals eigentlich nicht auf den Atkinson Hyperlegible Font vom Braille Institute gesetzt?
Für die Typst Vorlage von neulich, hatte mir der entsprechende Font gefehlt (man hätte einen anderen auswählen können). Der Font wäre in stolzen 500(!)MB an weiteren Tex-Live Paketen verfügbar gewesen, so daß ich es separat(!) besorgt und in 'Home' eingebunden habe.
Zu Protokoll geben kann ich, daß der jeweilige Einsatzzweck unterschiedliche Fonts nötig machen kann, und ich auf einem "Kindle Paperwhite" Reader z.B. die "Amaranth" Familie am besten lesbar finde. Im Artikel scheint mir "Adwaita Sans" ebenfalls irgendwie klarer als "Noto Sans".
Das „Schöne“: In den Kaninchenbau kann man immer wieder reinfallen ;) Ich finde Schriften mit geringerer Mittelhöhe (x-Höhe) angenehmer, außerdem offenes (two-storey) „a“ und geschlossenes (three-storey) „g“, schließlich (direkt) erkennbare „O“/„0“ und „l“/„I“. Da gefallen mir die Source-Familien ziemlich gut (Source Sans Pro/3, Serif Pro, Code Pro).
Der Screenshot zum Vergleich zwischen Noto Sans und Adwaita Sans ist interessant. Ich habe diesen Artikel zuerst an einem kleinen Bildschirm gelesen. Da war Noto Sans um Klassen besser lesbar als Adwaita Sans. Wenn man genauer hinschaut, sieht man auch so manchen Unterschied. Z.B. ist die Öffnung rechts am "e" bei Noto Sans größer als bei Adwaita Sans, ähnlich ist es beim "a" oder "g". Beim "f" hebt sich der Querstrich besser ab. Insgesamt sind die Buchstaben bei Noto Sans besser erkennbar und unterscheidbar als bei Adwaita Sans. Danke auch für die Hinweise auf den Atkinson Hyperlegible font!
Bei Texten, die möglichst für alle gut lesbar sein sollten (z.B. auf Webseiten) finde ich es wichtig, die Schiftarten dafür entsprechend zu wählen, und werde in Zukunft wohl noch verstärkt darauf achten.
Interessant, welche Schriftarten hier vorgeschlagen werden. Ich habe festgestellt, dass ich mit Noto Sans Display die Tabellendokumente bei Full-HD kleiner zoomen kann und die Schrift noch lesbar bleibt. Daher war es mehr oder weniger ein praktischer Lesbarkeitstest mit nur einer Person als Prüfgruppe und ohne Kontrollgruppe. 😎
Zum Politischen (was ich versuche einigermaßen konfliktarm zusammenzufassen):
Wie in einem Kommentar weiter oben angedeutet wurde, war dies die Rückname eines Erlasses aus dem Demokratischen Lager von 2023. Und es zeichnet reaktionäre Kräfte aus, dass sie grundsätzlich alles Progressive abwickeln müssen - selbst wenn es gut ist (siehe dazu die aktuelle Tagespolitik). Was aber an einer Schriftart "woke" sein soll, begreift man vermutlich nur mit einem ultra-konservativen Hirn.
Es heißt ja, dass Geschichte sich nicht wiederholt, aber dass sie sich reimt: 1941 wurde im sog. Normalschrifterlass von Martin Bormanns die gotische Schriftart Schwabacher als "Judenlettern" diskreditiert. Ende des Politischen.
Aus Gründen der Lesbarkeit ist es übliche Praxis Serifenschriftarten eher für Überschriften zu verwenden (in groß sind sie schön) und für den kleineren Lauftext serifenlose Schriftarten einzusetzen. Times New Roman als Standardschriftart für die Lauftexte zu verwenden, wird deren Lesbarkeit nicht gerade erhöhen.
Ein weiterer Punkt ist die Lizenz: Calibri hat wohl eine proprietäre Lizenz. Bei Times New Roman habe ich nichts Konkretes dazu gefunden, vermute aber mal, dass dies für die amerikanische Regierung eh kein Thema ist.
Oh ja, in Schriftarten kann man sich ordentlich verlieren, das erlebe ich selbst seit ... Wochen.
Hier noch ein ganz interessanter Artikel zum Erscheinungsbild und der „Stimmung“ von Schriftarten (auf Englisch): https://theconversation.com/its-not-you-some-typefaces-feel-different-270192
P.S. Wieso wird auf dieser Seite eigentlich auf Microsofts Segoe UI gesetzt, statt auf eine Schrift mit freier Lizenz?