Diese Freiheit nehme ich mir

Mi, 17. November 2021, Holger Lietz

Hinweis: Das ist ein Meinungsartikel.

Freiheit – das klingt für jeden Menschen unterschiedlich. Manche Menschen fühlen sich von der Freiheit angezogen, andere fürchten sich vor ihr, einige haben regelrecht Angst davor. Was heisst denn „frei“ sein? Darf ein einzelner Mensch alles machen, solange kein anderes Mitglied der Gesellschaft deshalb benachteiligt ist? Wer (oder was) gehört eigentlich so alles zu unserer Gesellschaft? Nur Menschen? Auch Tiere? Die Umwelt? Der Wohnort, das Land, unser Kontinent, die Welt, die nächste Generation?

The Wrath of Khan

Wenn das geklärt ist, merkt man, dass es auch für freie Gesellschaften Grenzen gibt. Damit ist auch der Rahmen festgesetzt, in dem die nötigen Regeln für das Zusammenleben gelten. Egal wie sie heissen, egal wer sie erlässt, durchsetzt oder Urteile spricht. Die Freiheit des Individuums endet nicht am Gartenzaun und nicht an der Freiheit des Nachbarn. Sie endet an der Toleranzgrenze des nächsten Individuums. Muss ich in der Bahn laute Musik oder Unterhaltungen ertragen?

Nahezu jede*r hat Verständnis, wenn ich in so einer Situation andere Menschen höflich darum bitte, etwas leiser zu sein. Das kehrt sich um, wenn es um Verkehrslärm oder Musikkonzerte geht. Da kann ich ruhig sagen, dass mich der Lärm stört oder krank macht. Dann werde ich aufgefordert, der Freiheit der Anderen nicht im Weg zu sein. Offensichtlich gibt es also Unterschiede, was Freiheit darf. Um Mr. Spock ("The Wrath of Khan", 1982) zu zitieren:

„Logic clearly dictates that the needs of the many outweigh the needs of the few.“

(Die Logik gebietet eindeutig, dass die Bedürfnisse der Vielen die Bedürfnisse der Wenigen überwiegen.)

Wenn ein einzelner Mensch also kein Stadtfest verhindern können sollte, wie viele Menschen bräuchte man denn zur Verhinderung der Feier? In einer freien Gesellschaft selbständig zu leben erfordert auch Arbeit und Abstimmung. Und das eben „selbst“ und „ständig“. Für mich ist das kein Grund, auf die Freiheit zu verzichten, ich möchte an den Entscheidungen teilhaben. Auch, wenn ich mit meiner Meinung manchmal zur Minderheit gehöre.

Wie ein Computer genau funktioniert ist für die meisten Menschen unerheblich, wichtig ist nur, dass ein „A“ erscheint, wenn ich die Taste „A“ drücke. Er rechnet intern mit vielen „0“ und „1“. Wenn genügend 01100101… in der richtigen Folge zusammengestellt sind macht der Computer das, was programmiert wurde. Niemand würde auf die Idee kommen, ein Patent auf die einzelnen Ziffern zu genehmigen und sie vor unerlaubter Einsicht zu schützen. Bei vielen „0“ und „1“ sieht die Sache anders aus. Die können geschützt und die Einsichtnahme und Änderungen verboten werden. Die Software funktioniert so wie programmiert. Nimm sie und benutze sie.

Mehr oder weniger Funktionen, eine andere Prozessor-Architektur oder Fehlerbehebung ist in so einem Umfeld aber nicht gestattet oder sogar verboten. Die Software ist proprietär. Sie kann kostenlos sein, gekauft oder gemietet werden. Hier darf kostenlose Abgabe nicht mit Freiheit verwechselt werden. Und auch die bezahlte Version macht mich nicht zum Eigentümer, da sind die Lizenzbedingungen schon mal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Eine freie Software kann ebenfalls Geld kosten (schliesslich kann der Programmierer an der Supermarktkasse nicht mit seinem feuchten Daumen bezahlen), aber sie darf angesehen und an die eigenen Wünsche und Bedürfnisse angepasst werden. Auch wenn der Urheber das Programm nicht mehr betreuen kann oder möchte, darf es weiter benutzt und aktualisiert, mit neuen Funktionen ausgestattet und verteilt werden. Das ist ein eindeutiger Vorteil gegenüber einer proprietären Blackbox, die einfach so eingestellt werden kann, ohne dass sie anschliessend weiterentwickelt werden darf.

Wenn wir annehmen, dass wir in einem freien Land leben, dann kann jede*r für sich entscheiden, welche Art von Software privat zum Einsatz kommt. Bei einer Bäckerei mit 30 Filialen ist der Hersteller der Kassensoftware verstorben, die kleine Softwarefirma wurde aufgelöst, die Mitarbeiter haben neue Arbeitsplätze gefunden. Es gibt keinen Rechtsnachfolger und niemand ist bereit, das Kassensystem zu übernehmen, alle wollen der Bäckerei ihr eigenes Produkt verkaufen. Das ist verständlich, da niemand die rechtliche Verantwortung für ein unbekanntes Produkt übernehmen möchte. Die Bäckerei ist privat und daher für in ihrem Bereich eingesetzte Produkte selbst verantwortlich.

In öffentlichen Bereichen, die vom Geld der Gemeinschaft bezahlt werden, sollte nur Software eingesetzt werden, die den Kriterien für freie Software entspricht. Damit ist sie immer verfügbar, erweiterungsfähig und kann auch von unabhängigen Experten auf Schwachstellen und Hintertüren untersucht werden. Sollte die mit der Softwarewartung beauftragte Firma nicht mehr zur Verfügung stehen, muss niemand das Rad neu erfinden. Ähnlich wie für die Grundstückspflege ein neuer Gärtner gesucht werden kann ohne den Garten neu gestalten zu müssen.

Bei Officeprogrammen gibt es den Platzhirsch MS Office. Das ist ein tolles Paket, es kann fast alles möglich machen. Das kann auch z.B. LibreOffice. Natürlich sieht es anders aus und weicht in der Bedienung ab. Das ist aber auch bei MS Office 2003 zu 2007 der Fall. Diese Ausrede zählt also nicht wirklich. Es ist nur eine Frage der Gewöhnung. Wir haben uns so an die Lenkung durch andere Personen gewöhnt, dass uns die Mauern hinter dem ganzen Bling-Bling nicht mehr auffallen. Wie im Theater verschwindet alles Unansehnliche hinter einer Bordüre, wir brauchen Lenkung, um durch den Strom der vielen Fernsehsender durchzublicken.

Dabei fällt auch kaum noch auf, dass viele Sender nur Filme zeigen, die in meiner Jugend schon alt waren. Allein bei Youtube werden in jeder Minute mehr Videominuten hochgeladen, als man in 24 Stunden ansehen könnte. Vieles ist unnützer Inhalt, aber es gibt noch mehr Plattformen, die um unserer Aufmerksamkeit buhlen. Alles wird immer grösser, schöner, neuer – lesen Sie sich alles in Ruhe durch und gucken Sie da nicht so lange hin, das Kleingedruckte ist ja irgendwie auch schlecht für die Augen, steht ja eh immer dasselbe drin nicht wahr, schauen Sie doch mal hier der kleine Hamster, den hat meine Tochter heute bei "Instatokbook" gefunden, ist das nicht niedlich?

Mit dem, was wir am Tag alles nicht mitbekommen, könnte man Bibliotheken (oder eine neue SocialMedia-Plattform) füllen. Es wird Zeit, dem Sonnenuntergang zu Hause zuzuprosten und die nächste Empfehlung einfach der unbeachteten Nicht-Gesehen-Bibliothek hinzufügen zu lassen. Diese Freiheit nehme ich mir jetzt.

Bildquelle: https://i.ytimg.com/vi/jmzS7vQKdp8/maxresdefault.jpg (fair use)