Jeanne d’Arc
In den letzten Wochen sind so viele Dinge geschehen und geschrieben worden, dass ich nicht weiss, wo ich beginnen soll. Daher beschränke ich mich auf wenige Quellen:
- Beim WEF in Davos hat ein unbeliebter Redner erneut klar zum Ausdruck gebracht, wie sehr er Europa verachtet. Die richtige Entgegnung fanden nicht die europäischen Staatslenker, sondern der kanadische Premierminister Mark Carney, mit seiner bemerkenswerten Rede.
- Daraus ergibt sich eine anwachsende Bedrohung für die europäischen Staaten und ihre Bewohner, und zwar in politischer, gesellschaftlicher, kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht. In diesen Wirkungsbereich gehört auch die Bedrohung im Digitalen. Adrienne Fichter hat das in ihrem Artikel für die Republik.ch gut zusammengefasst.
Doch ich möchte hier weniger davon schreiben, was ihr alle bereits in den Massenmedien gelesen habt, sondern darüber, wie digitale Souveränität zum Kampfbegriff wird. Seit mehr als zwanzig Jahren setze ich mich für die Erkenntnis ein, dass Freie Software die bessere Entscheidung ist. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich im Jahr 2003 meinem damaligen Chef bei der UBS prophezeit habe, dass in fünf Jahren die proprietäre Software in der Bank abgelöst werden wird. Seitdem gab es jedes Jahr den Durchbruch von "Linux auf dem Desktop", bis es sich zum Meme entwickelt hat.
Der Anstoss
Menschen ändern sich nicht freiwillig, sondern nur, wenn sie bedroht werden, Angst haben oder sich einen Vorteil erhoffen. Das ist eine traurige Erkenntnis, die sich auch in der aktuellen Weltsituation widerspiegelt. Ich war immer davon überzeugt, dass das Tier "Mensch" zur Reflexion fähig ist und daraus lernen will. Das scheint eine falsche Annahme zu sein.
Um es greifbarer zu machen, habe ich mir einen fiktiven E-Mail-Verkehr überlegt: Kürzlich erhielt ein IT-Leiter einer Firma diese E-Mail von seiner Vorgesetzten:
Die zunehmende Abhängigkeit Europas von Technologieprodukten amerikanischer Provenienz bereitet mir erhebliche Besorgnis. Diese Abhängigkeit betrifft uns als Microsoft-Kunden ebenfalls. Eine wachsende Zahl von öffentlichen Verwaltungen nutzt Produkte aus Europa. Hierunter:
- Bundesamt für Cybersicherheit BACS
- Eidgenössisches Justiz- und Polizeidepartement EJPD
- Gerichte Basel-Stadt
- Informatik Kanton Aargau
- Kanton Basel-Stadt
- Organisation und Informatik der Stadt Zürich
- Zürcher Zivil- und Strafgerichte
Ich möchte wissen, was du darüber denkst. Ich möchte herausfinden, was gut und schlecht wäre, wenn wir dem Netzwerk beitreten und/oder die openDesk-Software nutzen würden.
Die Antwort des IT-Leiters lautete:
Wir beschäftigen uns ständig mit diesem Thema. Das „Problem“ besteht derzeit darin, dass es auf dem Markt keine ähnlichen Dienstleistungen gibt, die tatsächlich mit Microsoft konkurrieren können. Hiermit sind nicht einzelne, käufliche oder mietbare Dienstleistungen gemeint, die gegenwärtig unter der Bezeichnung „OpenDesk“ zusammengefasst werden, sondern vielmehr das Zusammenspiel sämtlicher Komponenten und Software. Frau X ist eine überzeugte „Gegnerin“ von Microsoft, und letzte Woche wurde das Betriebsrisiko mit Microsoft als Hyperscaler diskutiert. Außerdem haben wir uns für den Newsletter angemeldet.
Die Beteiligung an dem Netzwerk entfaltet gegenwärtig offenbar lediglich eine symbolische Wirkung. Die Teilnahme ist kostenlos und ohne Verpflichtung. Es ist nur nötig, das Dokument zu unterzeichnen. Anschließend wird das Unternehmen in die Liste der Teilnehmer aufgenommen.
Ich möchte diese fiktive Konversation aus einer x-beliebigen Firma nicht kommentieren, weil sie für sich selbst spricht. Bemerken möchte ich dennoch die Richtung des Umdenkens. Gerade in Behörden sieht man, wie sich der Funke eher auf der politischen Ebene entzündet, obwohl man die Initiative von der Fachabteilung (IT) erwarten würde. Doch Fachabteilungen waren schon immer zwischen dem Management und den Anwender:innen gefangen. Dort gilt seit Jahrzehnten die Regel: "Wer bei Microsoft kauft, wird nicht entlassen." Dieses Credo könnte sich in Zukunft ins Gegenteil verkehren. Wer bei GAFAM kauft, hat das Unternehmen fahrlässig einem hohen Risiko ausgesetzt, indem die Zeichen der Zeit nicht richtig erkannt wurden.
Das Netzwerk
Ob es ein "Anstoss" wird, bleibt abzuwarten, bzw. zu unterstützen. Zumindest formieren sich unter der Initiative Netzwerk für eine souveräne digitale Schweiz viele Interessierte und Unterstützer. Bis heute haben sich über hundert Behörden, Organisationen und Firmen dem Netzwerk angeschlossen. Diese Teilnahme ist freiwillig und kostenlos, zeigt aber den Willen und die Ernsthaftigkeit des Themas. Dabei sind nicht Krethi und Plethi sondern:
… um nur drei von über hundert zu nennen.
Die Relevanz dieses neuen Netzwerks lässt sich am besten an den Reaktionen der infrage gestellten GAFAM-Firmen abschätzen. Wie Adrienne Fichter schreibt, sind es die USA-Vertreter und Nahestehenden in der Schweiz, die gegen dieses Netzwerk lobbyieren. Der Berater der Schweizerisch-Amerikanischen Handelskammer, Alex Grossenbacher, empfindet das Netzwerk als direkten Affront gegen amerikanische Tech-Konzerne (paraphrasiert). Grossenbacher verstieg sich so sehr, dass er den Austritt der Stadt Zürich aus dem Netzwerk verlangte.
Dann gibt es noch die Swico, als Interessenvertretung der ICT- und Internetbranche in der Schweiz, ähnlich der Bitkom in Deutschland. Schaut man in die Mitgliederlisten dieser Lobbyverbände, zeigt sich schnell, wer dort bezahlt und das Sagen hat; dreimal dürft ihr raten (Swico-Mitglieder, Bitkom-Mitglieder). Ich weise ausdrücklich darauf hin, dass der finanzielle Einfluss von GAFAM auf die Entscheidungsfindung dieser Organisation nicht belegt, sondern von mir lediglich mit hoher Wahrscheinlichkeit angenommen wird.
Die Initiative
Mit der Teilnahme am SDS-Netzwerk erhält man Zugriff auf relevante Informationen zur digitalen Souveränität in der Schweiz und darüber hinaus. Ich habe mich beim SDS-Netzwerk angemeldet, um über die aktuelle Entwicklung informiert zu bleiben. Positiv überrascht hat mich die Bereitstellung der openDesk-Lösung bei drei verschiedenen Providern:
Ich habe mich sofort für die Demo bei Adfinis registriert. Fünf Minuten später hatte ich Zugriff auf den openDesk.
Transparenzhinweis: Adfinis ist Sponsor von GNU/Linux.ch.
Gerne werde ich in einem späteren Artikel meine Erfahrungen, bzw. die ersten Eindrücke mit openDesk beschreiben.
Fazit
Damit Digitale Souveränität nicht zum Kampfbegriff oder Spaltpilz wird, ist es wichtig, Netzwerke zu bilden, die informieren und Räume für den Erfahrungsaustausch schaffen. Die digitale Transformation erscheint vielen Firmen und Organisationen als Ding der Unmöglichkeit, weil sie in den Betonstiefeln von Big Tech feststecken und keine Alternativen sehen (wollen).
Doch das Verharren in der vermeintlichen "Alternativlosigkeit" ist kein Rezept gegen die Führungssturheit. Wer auf dem Mercedes beharrt, ist des Volkswagens nicht wert und geht besser zu Fuss. Ab jetzt gilt: Wer bei Microsoft kauft, gefährdet seinen Job.
Titelbild: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Equestrian_statue_of_Joan_of_Arc_(1).jpg?uselang=de
Quellen:
https://www.republik.ch/2026/01/26/die-usa-lobbyieren-gegen-die-digitale-souveraenitaet-der-schweiz

