Ich werde häufig gefragt, warum Organisationen und öffentliche Institutionen es so schwer haben im Fediverse? Eigentlich müsste man doch meinen, dass unser dezentrales Universum das optimale Habitat sei. Es repräsentiert die Vielfalt unserer Gesellschaft gut, ist nahbar und direkt und es findet echte Interaktion statt. Sehen und gesehen werden war eigentlich im Fediverse nie das grosse Thema, ausser es geht um ein ganz spezifisches Nerd-Hobby.
Und genau dort müssen wir ansetzen. Wir haben das Fediverse vor vielen Jahren aufgebaut, um Menschen mit ähnlichen Interessen über den ganzen Globus, oder besser gesagt das ganze Fediversum, miteinander zu vernetzen. Ich bin auf dem Lande gross geworden und ich hatte viele Jahre das Gefühl, dass es keine anderen Menschen wie mich geben würde. Ich erinnere mich noch gut an die verregneten Nachmittage, an denen ich sehnsüchtig aus dem Fenster geschaut habe und davon geträumt habe, mich nicht mehr so alleine zu fühlen. Erst das Fediverse hat es mir ermöglicht zu erkennen, dass es andere Menschen gibt, die so ähnlich ticken wie ich. Auch mit der kürzlich wieder ins Leben gerufenen Fedimap versuchen wir zu visualisieren, dass wir nicht alleine sind.
Es ging also von Beginn an um Menschen. Oder genauer gesagt darum, Menschen mit gleichen Interessen und Menschen, die offen für andere sind, miteinander zu vernetzen. Das ganze sollte möglichst selbstbestimmt, dezentral und unabhängig von Firmen und auch Organisationen sein. Getreu dem Motto: Ich mach' mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt ..., oder besser gesagt das Fediversum.
Damit einher und aufgrund der Erfahrung, dass jedes Mal, wenn wir etwas mit Firmen machen wollten, übles Ungemach drohte, entstand eine Grundskepsis gegenüber dem Überwachungskapitalismus. Heute zeigt sich, dass diese Vorsicht mehr als berechtigt ist und dass wir mit dem Fediverse eine echte Alternative darstellen.
Und auch da geht es uns eher um Klasse, statt Masse oder besser gesagt darum, dass wir möchten, dass neue Bewohner:innen sich bewusst sind, worum es beim Fediverse geht. Ihr habt sicher schon oft erlebt, wie lehrerhaft Menschen, die #neuhier sind, direkt mit guten Ratschlägen und Handlungsanweisungen eingedeckt werden. Das geht sogar so weit, dass sich mehr als eine:r direkt wieder umgedreht hat. Im Falle von Bluesky oft nur um kurze Zeit später wieder bei uns zu landen.
Im Fediverse steht der Mensch im Mittelpunkt. Es geht um echten Austausch, nicht darum, News zu verteilen. Für letzteres haben wir das vergessene Format RSS.
Organisationen hingegen möchten in erster Linie Sichtbarkeit schaffen, und genau da würde ich mir eine Verlagerung der Prioritäten bei Social-Media-Verantwortlichen wünschen. Letztendlich bringt echter Austausch viel mehr Freude, zumindest meistens, und als Nebeneffekt steigt meist auch die Sichtbarkeit. Wenn es nur um Zahlen, Likes und Boosts geht, ist das Fediverse sicher nicht der geeignete Ort. Wenn es darum geht, Nahbarkeit und Präsenz zu zeigen, schon.
Aber warum funktioniert auch das dann dennoch oftmals nicht? Selbst wenn die Verantwortlichen all diese Voraussetzungen mitbringen und ihre Erwartungshaltung entsprechend angepasst haben? Warum verschwinden viele nach kurzer Zeit wieder oder warum können die Social-Media-Beauftragten ihren Vorgesetzten nur schwer klarmachen, warum ein Auftritt im Fediverse trotzt geringer Like-Zahlen wichtig ist?
Weil dieser Ansatz bei uns nicht funktioniert und wahrscheinlich auch nie funktionieren wird, denn wir erinnern uns, bei uns geht es um den Menschen.
Welche Ansätze gibt es also, die nachhaltig sind und funktionieren können? Organisationen empfehle ich, Menschen für die Verantwortung über deren Fediverse-Konto zu wählen, die das Konzept bereits verstanden haben oder daran interessiert sind, es zu verstehen. Erstellt einen Account für die Organisation auf einem passenden Server oder wenn ihr es euch zutraut, hostet gleich selbst eine Instanz. Aber übernehmt euch für den Anfang nicht. Dieser Schritt kann auch später erfolgen, solange er nicht vergessen geht.
Stellt euch als Menschen vor, also beispielsweise hier tootet Maja für euch. Heute ist Alex dran. Schreibt, was euch als Mensch bewegt, natürlich unter Wahrung der Positionen der Organisation. Macht euch spürbar, verletzlich, erfahrbar. 3sat ist da ein sehr gutes Beispiel, auch wenn mir persönlich die Toot-Frequenz etwas zu hoch ist.
Schreibt lieber weniger, dafür beständig. Geht in Austausch. Das heisst nicht das ihr auf jeden Troll-Kommentar antworten müsst, aber antwortet! Wenn es nur darum geht News zu verteilen und dafür Likes einzusammeln, seid ihr im Fediversum definitiv nicht am richtigen Ort.
Wenn ihr hingegen erfahrbar und wirklich sichtbar werden möchtet, freuen wir uns über einen konstruktiven Austausch!
In diesem Sinne wünschen wir uns mehr Organisationen im Fediverse.
Quelle: das Bild stammt aus unserer FediGov Kampagne, mit der wir öffentliche Einrichtungen davon überzeugen möchten eine Präsenz im Fediverse zu schaffen.

Also da möchte ich ein wenig widersprechen.
Ich persönlich habe überhaupt nicht den Eindruck, dass es um Austausch geht. Vielmehr erscheint es mir so, dass es insgesamt eher egoistisch zugeht ("Schaut her, ich habe Haltung" oder "Nur diese - meine/unsere - Meinung ist richtig"). Austausch findet m.E. nur statt, um "die Anderen" zu belehren, niederzuschreiben, zu diskreditieren.
Kann man machen, ist dann aber nur etwas, was es an anderer Stelle schon gibt, nur in anderen Schläuchen.
Das Fediverse ist technisch gesehen eine gute Sache. Allerdings wird es inhaltlich durch Haltung, politische Richtungen und "Gutmenschentum "vergewaltigt" und grenzt so einen sehr grossen Anteil der Internet-User aus, die dem vorgegebenen Mainstream nicht folgen möchten. Jede Aussage, die nicht passt, wird niedergemacht. Eben kein Austausch oder die vielbeschworene Vielfalt, sondern auch nur eine eingeschworene Bubble, der man bedingungslos folgen muss. Abweichler nicht erwünscht.
Als Unternehmen begibt man sich hier also ggf. aufs Glatteis, weil man sich positionieren muss und somit potentielle Kunden ausgrenzt oder vorhandene vor dem Kopf stösst. Viele müssen Waren oder Dienstleistungen verkaufen, wollen keine Politik machen. Auf der anderen Seite möchte man etwas kaufen oder sich informieren, ohne belehrt zu werden. Institutionen verlassen meiner Meinung nach immer mehr ihre Kernkompetenz, indem sie die gesamte Welt oder Menschheit retten wollen. Das, worum es eigentlich mal ging, gerät immer mehr in den Hintergrund, weil die Vielzahl an Projekten immer breiter gestreut werden. Und gefühlt jede dritte Nachricht verweist auf die Spendenerfordernis der Lesenden, nicht, ohne auf das schlechte Gewissen zu appelieren.
Keine Frage, es gibt durchaus gute Seiten im Fediverse, auch den einen oder anderen Auftritt von "Gewerblichen". Leider scheint es im Fediverse so, als müsse man allem etwas "überstülpen"... Und sei es nur sein Privatleben. Ich kann eh nicht wirklich verstehen, warum jede/r das Privateste nach aussen tragen muss und erwartet, alle müssten dazu jubeln.
Ich weiss, DAS Fediverse ist im Grunde falsch bezeichnet, ich meine insbesondere Mastodon bzw. Pixelfed als Austausch-Medium. Die technische Seite des Fediverse gerät ja zunehmend in den Hintergrund und wird hauptsächlich für "Anti-US/DeGoogle/DeTrump", also politisch verwendet, nicht als grundsätzliches Werkzeug für datensparsames interagieren oder für die eigene Datenhoheit.
Daher möchte sich nicht jeder wie ein Ochse vor den Karren spannen lassen und bleibt da lieber fern. Technisch finde ich dies schade, inhaltlich kann ich das aber gut nachvollziehen, sich keiner "Ideologie" oder "Anderer-Leut-Privatleben" unterwerfen zu wollen.
Du sprichst mir aus der Seele! Danke