RISC OS Geschichtsstunde

Do, 13. Mai 2021, Lioh Möller

Im ersten Teil unserer RISC OS Serie konntest du lernen wie du den Emulator RPCEmu auf deinem Linux-System nutzen kannst. Heute widmen wir uns der langen und bewegten Geschichte des Betriebssystems.

Mitte der 80er Jahre entschied sich der britischen Hersteller Acorn dazu einen eigenen Prozessor zu schaffen. Die heute so beliebte ARM-Architektur (früher Acorn Risc Machine, jetzt Advanced Risc Machine), welche sich in einer Vielzahl von Mobilgeräten und im IoT Bereich wiederfindet, kam erstmals im Acorn Archimedes zum Einsatz. Gefertigt wurden die Prozessoren damals von VLSI Technology.

Der hauseigene Entwicklungsbereich namens AcornSoft leistete eine herausragende Arbeit bei der Portierung des BBC Micro OS auf die neue Architektur. Das Machine Operating System (MOS) wurde zuvor auf BBC Micro Computern verwendet. Das Resultat wurde liebevoll Archie getauft und erst ab Version 2 in RISC OS umbenannt.

Vom Aufbau war RISC OS vergleichbar mit MSDOS und Windows 3:  als Basis diente ein single-tasking und single-user Betriebssystem im Text-Modus, welches um eine grafische Benutzeroberfläche mit Kooperativen Multitasking erweitert wurde. Zusätzlich war es in der Lage alte Konsolenanwendungen im Präemptiven Multitasking auszuführen.

Kooperatives Multitasking kommt auf aktuellen Mainstream-Betriebssystemen nicht mehr zum Einsatz. Von der Funktionsweise her bedeutet es, dass Programme freiwillig die Kontrolle an das Betriebssystem abgeben müssen, welches dann für einen Moment die nächste Applikation ausführt. Daraus resultiert ein leichtes, einfaches System, welches kaum Hardware-Unterstützung durch die CPU benötigt, um zu funktionieren. Dabei müssen sich allerdings alle Anwendungen rechtmässig verhalten. Sofern eine Applikation die Kontrolle über den Computer übernehmen und nicht wieder freigeben würde, hätte das Betriebssystem selbst keine Möglichkeit dem entgegenzuwirken. Letztendlich hat dieses Verhalten dazu geführt Applikationen von sehr guter Qualität zu schaffen, welche sich auch heute noch grosser Beliebtheit erfreuen.

Das Ende der klassischen Heimcomputer-Ära und die Veröffentlichung von Betriebssystemen wie Microsoft Windows, bewegten Acorn dazu neue innovative Ideen zu entwickeln.

Mit Acorn Online Media wurde eine eigene Sparte zur Entwicklung von Set-Top-Boxen für Video on Demand (VOD) gegründet, welche später inklusive der Rechte an RISC OS an das Unternehmen Pace plc verkauft wurde.

In Zusammenarbeit mit Oracle entstand ausserdem ein sogenannter Network Computer (NC), welcher ohne lokales Speichermedium permanent mit dem damals noch jungen Internet verbunden sein sollte. Ähnliche Ansätze finden sich heute beispielsweise in Chromebooks wieder, dessen Applikationen in erster Linie aus WebApps bestehen.

Die teuren und trägen Einwahl-Internetverbindungen zu dieser Zeit liessen das Network-Computer-Projekt letztendlich scheitern und auch der erhoffte VOD-Boom blieb aus.

1998 schloss Acorn die Abteilung zur Entwicklung von Arbeitsplatzcomputern. Das zuvor angekündigte neue Computermodell namens Phoebe wurde nicht fertiggestellt, obwohl die Produktion des Gehäuses bereits begonnen hatte. Im Januar 1999 wurde Acorn Computers Ltd. in Element 14 Limited umfirmiert und RISCOS Ltd. (ROL) lizenzierte die Desktop-Variante des Betriebssystems von Element 14 und teilweise von Pace.

RISCOS Ltd schloss die Arbeiten an RISC OS 4 ab und veröffentlichte es im Juli 1999 zu einem Preis von £120. Unter anderem unterstützte Version 4 erstmals längere Dateinamen, grössere Festplatten und enthielt eine optisch aktualisierte Benutzeroberfläche. Unter dem Namen RISC OS Select konnten Interessierte in einem Abomodell laufende Aktualisierungen erhalten.

Parallel dazu verkaufte die Firma Castle Technology weiterhin RISC PCs und A7000+ Modelle unter dem Label Acorn, für deren Produktion und Vetrieb sie zuvor die Rechte erworben hatten. Die vollständigen Rechte am RISC OS Betriebssystem  erwarb das Unternehmen im Juli 2003 von Pace.

2002 überraschte Castle mit der Veröffentlichung des Ionix Computers, welcher auf einem 32-bit ARM-Prozessor basierte. Die Voraussetzungen für die RISC OS Portierung von 26-bit auf 32-bit hatte zuvor Pace im Rahmen der Set-Top-Boxen Entwicklung geschaffen.

RISCOS Ltd. (ROL) war hingegen nicht erfreut über die Entwicklungen, nahmen sie doch an, dass sie alleiniger Lizenznehmer von RISC OS waren.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts gab es daher zwei unterschiedliche Abspaltungen von RISC OS:

Einerseits die ROL Variante, welche von Acorns RISC OS 4 abgeleitet wurde und unter den Bezeichnungen Select, Adjust und letztendlich RISC OS SIX vermarktet wurde. Bei der Entwicklung wurde viel Wert auf eine Modularisierung der Codebasis gelegt und es wurde ein sogenannter Hardware Abstraction Kernel hinzugefügt, um einen Wechsel auf andere Architekturen wie der moderneren 32-bit ARM 9 Serie zu erleichtern. Auch heute noch können RISC OS 4, RISC OS SIX sowie der darauf basierende Emulator VirtualAcorn käuflich erworben werden. Übernommen hatte die Rechte an allen von RISCOS Ltd. entwickelten Versionen im Jahre 2013 die Firma 3QD Developments Ltd. Zuvor kam es zu einem erbitterten Lizenzstreit zwischen ROL und Castle Technology, der in einer Vereinbarung zur Zusammenführung der Entwicklungszweige mündete, welche allerdings nicht umgesetzt wurde. Castle sollte dabei die Basis des Betriebssystems bereitstellen und ROL zur Weiterentwicklung des Desktops beitragen.

RISC OS 5 von Castle Technology hingegen wurde für moderne 32-Bit-only ARM-Prozessoren entwickelt, und basiert auf dem Zweig von Pace, der zur Erstellung von NCOS verwendet wurde. Diese Variante stellt die Basis des heutigen RISC OS Open und RISC OS Direct dar. Der Quellcode wurde von Castle Technology freigegeben und wird seither von einem eigens dafür gegründeten Unternehmen namens RISC OS Open Ltd. verwaltet. Im Jahr 2018 erwarb RISC OS Developments die Castle Technology Ltd. sowie RISC OS Open Ltd. und damit das geistige Eigentum von RISC OS. Das Betriebssystem RISC OS bleibt weiterhin unter der Obhut von RISC OS Open Ltd. und steht mittlerweile unter einer Apache 2.0 Lizenz zur Verfügung.

Aus heutiger Sicht erwies sich der Schritt zur Veröffentlichung des Quelltextes als eine wegweisende Entscheidung, denn so konnte das Betriebssystem auf unterschiedlichste Plattformen wie den Raspberry Pi oder das Beagleboard portiert werden.