Freie Fahrt für freie Androiden!

Do, 23. Dezember 2021, Caos

Viele Android-Geräte, die schon nach relativ kurzer Zeit keine Updates seitens des Herstellers mehr erhalten, wandern zum Elektroschrott, obwohl die Hardware für viele Einsatzzwecke noch sehr gut geeignet wäre. Da Android im Kern quelloffen ist, entwickeln verschiedene Entwickler*innen und Communities auf Android basierende freie/ alternative Betriebssysteme, sogenannte Custom ROMs: Diese können zum einen dazu beitragen, Androidgeräten zu einer wesentlich längeren Nutzungsdauer zu verhelfen. 
Ein zweiter Vorzug von Custom ROMs ist die Option, mehr Kontrolle über sein eigenes Gerät zu erlangen, und die Chance, sein Gerät zu "entgoogeln" sowie sich der teilweise massenhaft vorinstallierten Bloatware von Herstellern und Sponsoren zu entledigen: "Übernimm die Kontrolle und mache dir dein Telefon zu eigen".
Ganz so einfach, wie am Desktop-PC/Laptop ein neues Betriebssystem zu installieren, gestaltet es sich allerdings bei Android-Geräten nicht. Schon das Entsperren des Bootloaders kann je nach Gerät eine grosse oder sogar unüberwindbare Hürde darstellen. Zudem es ist auch nicht für jedes Gerätemodell möglich, eine Alternative zu finden. Denn jedes Mobilgerät braucht wegen zahlreicher nicht im Quellcode verfügbarer Treiber seine eigene Android-"Distribution", sein eigenes "Build" für das jeweilige Gerätemodell.   

An dieser Stelle soll es zunächst einen kleinen Überblick geben, in dem ausgewählte Custom ROMs kurz vorgestellt werden. In weiteren Artikeln werde ich dann einige von diesen noch detaillierter vorstellen und Hinweise zur Installation und Einrichtung geben.



Es gibt eine grosse Vielzahl verschiedener Custom ROMs, die jedoch zum Teil recht kurzlebig sind oder ihren Fokus auf optischen Features, Designspielereien oder zusätzlichen Komfort-Funktionen haben (bspw. HavocOS oder Resurrection Remix). Um diese soll es hier nicht gehen, sondern (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) um solche, die darüber hinaus stärker auf FOSS, Datenschutz und/oder auf Sicherheit fokussiert sind.

Ein Klassiker unter den Custom ROMs ist sicherlich LineageOS, der Nachfolger des 2016 eingestellten CyanogenMod-Projekts. Der Fork des Android Open Source Projects (AOSP) wird von zahlreichen freiwilligen Entwickler*innen betrieben. Es werden zahlreiche Geräte verschiedener Hersteller offiziell von LineageOS unterstützt und mit regelmässigen Updates versorgt. Auch auf dem Raspberry Pi lässt es sich installieren. Für viele weitere Mobilgeräte gibt es inoffizielle Builds, nach denen man jedoch im einzelnen u.a. auf https://forum.xda-developers.com/ recherchieren muss.

In der Grundfiguration ist LineageOS weitgehend, jedoch nicht gänzlich googlefrei, sondern über "gewisse Schnittstellen bzw. Mechanismen (bspw. Captive Portal Check) weiterhin mit Google verbandelt".
Das reine System enthält dann nach der Installation einige vorinstallierte Apps, die die Grundbedürfnisse abdecken, wie Dialer, Kontakte, Kalender und Browser. Als nächster Schritt ist die Installation des FOSS-App-Stores F-Droid zu empfehlen. Wer auf proprietäre Apps nicht gänzlich verzichten will oder kann, sollte dann über F-Droid den Client für den Aurora-Store nachinstallieren, um damit Apps aus dem Play-Store ohne Google-Account nutzen zu können.

Ohne Google-Dienste kann es jedoch zu Problemen bei der Ausführung einiger Apps kommen, da bei der App-Entwicklung leider nur selten auf Google-Dienste verzichtet wird. Das Projekt MicroG zielt darauf ab, dieses Problem zu lösen bzw. abmildern mit einem Set aus quelloffenen Diensten, die die Funktionen und APIs der Google Play Dienste nachempfinden, ohne dass Daten an Google fliessen sollen.

MicroG ist in LineageOS for MicroG und in /e/OS integriert, die beide auf LineageOS basieren.

/e/OS bietet auf Nextcloud-Basis ein eigenes System von Online-Diensten an, unterstützt derzeit offiziell  über 200 Geräte, inoffiziell noch einige mehr, und verfolgt das Ziel, ein noch gründlicher als LineageOS entgoogeltes System zu entwickeln. Es gibt jedoch auch einige Kritikpunkte (u.a. Appstore und Launcher). Dies und einige weitere Besonderheiten von /e/OS werde ich in einem gesonderten Artikel noch ausführlicher darstellen.


Relativ neu und ambitioniert ist das Projekt DivestOS, das mit der Parole antritt: "Take back (some) control of your device". DivestOS basiert ebenfalls auf LineageOS und bietet einige zusätzliche "security and privacy features". Unter anderem ist F-Droid als Appstore bereits vorinstalliert und Silence, zur verschlüsselten SMS-Kommunikation, ist als Standard-SMS-App integriert.
Auch DivestOS unterstützt relativ viele Geräte, sowohl relativ aktuelle als auch einige ältere Modelle. Ich hoffe, es in absehbarer Zeit testen und dann auch noch ausführlicher dazu berichten zu können.

Daneben gibt es Custom ROMs, die auf bestimmte Geräte bzw. Hersteller fokussiert sind:
Replicant "is a free software mobile operating system putting the emphasis on freedom and privacy/security" und besteht zu 100% aus freier Software. Da es keinerlei nicht-freie Treiber verwendet, können jedoch nur wenige Geräte unterstützt werden. Dies sind insbesondere schon sehr alte Geräte, die mit Replicant einen zweiten Frühling erleben können.
Ironischerweise haben die glücklichen Besitzer*innen von Google-Smartphones die besten Aussichten, ihr Gerät zu entgooglen. Sowohl alle der o.g. ROMs bieten Builds für die Google-Pixel-Reihe an, als  auch GrapheneOS und CalyxOS:
CalyxOS „gelingt der ungewöhnliche Spagat, sowohl Nerds als auch weniger technikaffine Menschen anzusprechen, denen Datenschutz wichtig ist“ (Linux-Magazin), während GrapheneOS noch darüber hinaus mit Sandboxing, Verschlüsselung, gehärtetem Browser, u.v.m. auf maximale Sicherheit und Privatsphäre ausgelegt ist: "Hart, härter, Graphene". Beide Systeme sollen einen einfachen und transparenten Installationsprozess und Setupassistenten bieten und eine komfortable Benutzererfahrung, die sich an gängigen Android-Geräten orientiert. Mangels passendem Gerät konnte ich damit aber noch keine eigenen Erfahrungen machen.

„Use your phone as your PC“: Einen sehr interessanten Ansatz verfolgte auch MaruOS mit einer Kombination aus Android/AOSP und Debian. Mit Android als Host und Linux als Gast/ Container ist es möglich, das gleiche Gerät sowohl als Smartphone als auch als Desktop-PC zu nutzen. Der XFCE-Desktop startet automatisch, sobald Monitor und Bluetooth-Tastatur angeschlossen werden. Das Smartphone selbst hat während dessen eine voll funktionsfähige Android-Oberfläche und kann auch noch Telefonate ausführen. Leider wird dieses Projekt anscheinend momentan nicht mehr aktiv weiterentwickelt, das letzte Build stammt von 2019.

Linux auf Android-Geräten

Sehr interessante Entwicklungen gibt es derzeit bei Linux-Phones: So sind bspw. für das Pinephone zahlreiche Linux-Distributionen in der Testphase wie Mobian, Fedora, Arch ARM, openSUSE u.v.m.

Doch auch konventionelle Android-Geräte können mit Linux betrieben werden. Einige Geräte werden von Mobile NixOS und von Ubuntu Touch unterstützt, relativ viele sogar von PostmarketOS.

Mobile NixOS adressiert m.W. wie NixOS einen sehr speziellen User-Kreis. Ubuntu Touch zielt dagegen auf „Everyone“ und bietet neben wenigen offiziell unterstützten Geräten immerhin für derzeit 78 Geräte (davon 7 Tablets) Community-Builds mit unterschiedlichem Entwicklungsstand an.
PostmarketOS beschreibt sich selbst als "real Linux distribution for phones and other mobile devices" und bootet sogar auf über 300 Geräten, von denen sich der Grossteil allerdings noch im experimentellen Stadium befindet.
Ubuntu Touch und PostmarketOS werde ich in folgenden Artikeln noch etwas genauer vorstellen und von meinen persönlichen Erfahrungen damit berichten.

Fazit & Appell
Die Chancen, ein passendes Custom ROM für das eigene Gerät zu finden, sind also gar nicht so schlecht. Das gilt in erster Linie für Smartphones; im Bereich Tablets ist das Angebot dann doch recht dünn, das heisst, die Anzahl unterstützter Tabletmodelle ist insgesamt sehr gering.

Doch vor allem, wenn Ihr vielleicht bereits ausrangierte Geräte übrig habt, probiert es einfach mal aus! Bei einigen von Euch liegt sicher dieses Jahr ein neues Smartphone unter dem Weihnachtsbaum. Bitte entsorgt das Vorgängermodell nicht vorschnell, sondern schaut auch noch nach sinnvollen Alternativen.

In diesem Sinne: "Happy flashing!"


Quellen:

c't  7/2020, S. 26-29: Entfesselungskünstler. Smartphones mit Custom-ROMs Google-frei betreiben.
c't 7/2020 S. 16-17: Android ohne Google. Smartphone datensparsam machen: mit Custom-ROM und Bordmitteln.
Linux-User 11/2021, S. 84ff.: Frischzellenkur. Stock-Android durch LineageOS ersetzen.
https://mobilsicher.de/ratgeber/lineage-bis-linux-freies-betriebssystem-fuer-smartphones
Linux-Magazin 9/2021, S. 30-37: Freihandelszone. F-Droid: Open Source Apps für Android.
https://auroraoss.com/de/faq/#aurora-store
Linux-Magazin 9/2021, S. 22-28: Datensicherung. Android-Alternative /e/OS schützt die Privatsphäre.
Linux-Magazin 9/2021, S. 18-21: Schadstoffarm. CalyxOS: Google-freies Android.
Linux-Magazin 9/2021, S. 38-44: Nummer sicher. Eine besonders sichere Alternative für Googles Pixel-Phone (GrapheneOS).
https://itsfoss.com/maru-os-linux/
https://www.pcwelt.de/a/maru-os-android-wird-zum-pc-desktop,3447792