Meine Erfahrungen mit Freier Software in der PEZA - ein Erfahrungsbericht aus Nicaragua

Do, 17. Dezember 2020, Daniel Schär

In Anschluss an den auf GNU/Linux.ch erschienenen Artikel zu Freier Software in der Entwicklungszusammenarbeit möchte ich hierzu meine persönlichen Erfahrungen schildern aus den Jahren 2013 bis 2019 in Nicaragua, das zu den ärmsten Ländern Lateinamerikas gehört.

Als Fachperson im Rahmen der Personellen Entwicklungszusammenarbeit (PEZA) leisteten meine Frau und ich dort einen siebenjährigen Einsatz in Diriamba und San Marcos, zwei Kleinstädte, je ca. 1 Autostunde südlich der Hauptstadt Managua gelegen. In den 80er Jahren, als Nicaragua als Hoffnungsträger für die sozialistische Revolution galt, war in San Marcos eine Solidaritätsgruppe stationiert und daraus entstand der Verein Städtepartnerschaft Biel/Bienne - San Marcos, ein Verein aus ehemaligen Cooperantes, welche seither Projekte im Bereich Umwelt und Kultur/Bildung unterstützen u.a. auch das Casa de Cultura, ein Kulturzentrum. Dieses Casa de Cultura beheimatet ein kleines Lokalmuseum, eine Musikschule und eine Bibliothek. Der Bibliothekar träumte schon lange von einem Informatikraum. Damit gelangte er an die Städtepartnerschaft und diese an mich. Meine Frau hatte unterdessen schon einen Einsatzvertrag mit einer spanischen NGO, die im Nachbarstädtchen Diriamba ein Tageszentrum für Erwachsene mit Behinderung unterhält. Unser ganzer Einsatz dort wurde von comundo koordiniert, begleitet und ausgewertet.

Hintergrund-Informationen

Wer sich nicht für das Land, sondern für das Projekt interessiert, kann diesen Abschnitt überspringen. 

Im Herzen Zentralamerikas, zwischen Honduras und Costa Rica, liegt das Land der tausend Vulkane, das etwa dreimal so gross wie die Schweiz ist und nur rund 6 Mio. Menschen, meist Mestizen, beherbergt. Spanisch ist Amtssprache, einige indigene Sprachen und Englisch wird von einer Minderheit an der karibischen Küste gesprochen. Das tropisch-trockene Klima beschert jahraus Temperaturen zwischen 20 und 35°C. Rund 52% der Bevölkerung ist unter 25 Jahren. Der Bürgerkrieg in den 80er Jahren zwischen den marxistisch geprägten Sandinisten und den von den USA gesponserten Contra-Rebellen hat das Land wirtschaftlich starkt zurückgeworfen. Nach Haiti ist Nicaragua das ärmste Land in Lateinamerika: Über 80% der Bevölkerung muss mit einem Einkommen von höchstens zwei US-Dollar pro Tag leben. Da es kaum formelle Arbeitsplätze gibt, sehen sich viele Menschen gezwungen, das Land zu verlassen, um in Costa Rica oder in den USA Arbeit zu suchen. Das hat soziale Veränderungen zur Folge. Familien werden zum Beispiel gespalten und die Daheimgebliebenen müssen neue Rollen übernehmen. Schon als Kinder müssen die meisten Nicaraguaner/-innen Geld verdienen, um die Familie finanziell zu unterstützen. Vor allem Mädchen brechen die Schule ab, weil sie Hausarbeiten erfüllen oder arbeiten gehen müssen. Bildung und berufliche Ausbildung rücken für sie dadurch in weite Ferne. 

Nicaragua ist ein Agrarland. Hauptexportgüter sind Bananen, Kaffee, Rindfleisch, Gold, Zucker und Tabak. Der Dienstleistungssektor ist eher bescheiden mit Ausnahme des Tourismus, der bis 2018 steil anstieg. Industrie gibt es wenig, daher werden viele Güter des täglichen Bedarfs importiert. Die Digitalwirtschaft nimmt nur langsam Schwung auf, wenn, dann in urbanen Zentren. Das Land ist von Korruption geplagt und die demokratischen Strukturen werden je länger je mehr von der Regierung des amtierenden Präsidenten Daniel Ortega untergraben.

Entwicklungsschwerpunkte

Die offizielle Schweizer Entwicklungszusammenarbeit (via DEZA) unterstützt seit längerem die Entwicklung des Landes in drei verschiedenen Bereichen:

  1. Förderung von KMUs
  2. Infrastrukturaufbau und öffentliche Dienstleistungen (v.a. Trinkwasser, Bildungsprojekte, etc.)
  3. Gouvernanz (Finanzplanung, Risikoreduktion bei Naturkatastrophen, etc.)

Welche Rolle kann ICT und insbesondere Freie Software in einem solchem Kontext haben? Diese Frage beschäftigte mich seit geraumer Zeit. Im Folgenden möchte ich die Grundproblematiken im Bildungsbereich in Nicaragua und unsere Lösungsansätze schildern: 

  • Stark zentralistischer Staat (alles muss von den zentralen Behörden abgesegnet sein) - Kontakt mit Behörden aufsuchen, Sensibilisierungsarbeit leisten.
  • Medien und ICT werden häufig mit Unterhaltung gleichgesetzt -> Die Wichtigkeit von ICT in der beruflichen Weiterbildung ist eher im gering und Kurse gibt es nur beschränkt.
  • Bedarf an Aus- und Weiterbildung in ICT ist gross. -> Modulare Kurse schienen uns das ideale Mittel, um den vielfältigen Bedürfnissen gerecht zu werden. 
  • Informatikmittel sind unheimlich teuer. -> Ausgemusterte kostenlose Hardware aus dem Ausland soll importiert werden.
  • Schwache Leseleistung der Bevölkerung und starke orale Tradition der Wissensvermittlung -> Schriftliche Kursmaterialien sind sekundär, Online-Kurse funktionieren kaum, Vermittlung muss in Form von Präsenzunterricht oder zumindest in Blended-learning-Settings geschehen.
  • Raupkopien von Betriebssystem und Anwendersoftware ist offiziell zwar nicht erlaubt, wird aber in keinster Weise geahndet. In den Internetcafés wird gegen geringes Geld eine gecrackte Office-Version irgendeines proprietären Programms installiert (v.a. MS Office, Photoshop und AutoCAD). -> Es muss praktische Überzeugungsarbeit geleistet werden, damit Freie Software akzeptiert und verbreitet wird.

Team-Besprechung mit Vertreter der Casa de Cultura und comundo. 

Ansatz

Bildung ist der Motor der Entwicklung eines Landes. Die Primarlehrerausbildung findet an den Seminarien (Escuela normal) statt. Dabei kann dies Vollzeit oder auch Teilzeit (Samstags- oder Sonntagsstudium) geschehen. Ein grosser Teil der Lehrer sind jedoch Autodidakten oder verfügen nicht über die für ihre Stufe nötige Ausbildung. Viele (gerade etwas ältere) Primar- und Sekundarlehrpersonen hatten während ihrer Ausbildung nie die Gelegenheit, Informatikunterricht zu besuchen und arbeiten bis heute ohne Computer, bloss mit Büchern, Heften und Wandtafeln. Sie haben einen beschränkten Horizont, wissen nur das, was sie am Lehrerseminar (welche durchs Band ein sehr tiefes Niveau haben) oder aus Büchern gelernt haben. Wir fokussierten uns auf sie als Zielgruppe, in Hinblick auf die Multiplikation in den Schulen, also dass das Gelernte in irgendeiner Form ihren Schüler/-innen zugute kommt. 

Mit den Verantwortlichen der Bibliothek wurde also eine Strategie ausgearbeitet, wie wir vorgehen wollten: 

Phasen 

1) Aufsetzen des Betriebsystems auf den Laptops, in unserem Fall Linux Mint, da ich persönlich damit am meisten Erfahrung habe und der Desktop dem allseits verbreiteten Windows 7 ähnelt.

2) Abklärung, welche Anwendungsprogramme sich eignen und nötig sind.

3) Kursentwicklung (ICT-Grundlagen, Office, Internet), Übersetzung und Aktualisierung der Schulungsunterlagen auf Spanisch.

3) Sensibilisierungsarbeit bei der kommunalen Bildungsabteilung für die Kurse, Besuche in den Schulen, Werbung für die Kurseinschreibung.

5) Durchführung eines ersten Kurses.

6) Auswertung und Nachjustierung der Inhalte und Methoden.

7) Erneuter Kurs, diesmal durch die Bibliothekshilfsperson, Betreuung durch mich.

8) Zwischenzeitliche Besuche der Lehrpersonen in den Schulen, wo sie unterrichten um nachzufragen, wie sie das Gelernte umsetzen.

9) Besuch mit den Laptops in den Landschulen mit einem Workshop zu «Uso responsable de la tecnología» also Verantwortungsvoller Umgang mit ICT, wo die SuS die zum ersten Mal einen Laptop bedienen können mit Maus, Keyboard, und den Umgang mit der Wikipedia erlernen können.

Die ersten Kursteilnehmer mit ihrem Zertifikat zum Grundkurs.

Fazit 

Für mich als Europäer klang das alles nach einem guten Plan. Es gab aber oft Hürden zu überwinden. Schon nur der Import der Laptops, die mit von mir anvisierten Besuchern, die nach Nicaragua flogen, kostete viel Nerven und Zeit. Einmal wurden 4 Laptops am Zoll beschlagnahmt und auch ein persönlicher Brief der Gemeindepräsidentin mit der Absicherung, sie seien für ein soziales Projekt half nichts. Wir hätten eine Unsumme an Geld zahlen müssen, um sie herauszuholen. 

Während den Kursen wurde ich oft gefragt, warum wir denn freie Software wie LibreOffice verwenden, wenn doch die Unternehmen und alle anderen Kursanbieter Microsoft Produkte verwenden. Meinungen und Haltungen wie «Was nichts kostet, ist nichts wert» und «Was man nicht kennt, dem traut man nicht» sind weit verbreitet. Es brauchte oft einen langen Atem um die Vorzüge von Freier Software zu erklären. Gerade die Sicherheit vor Viren war dann oft ein Argument, das am meisten überzeugte. Zu gerne hätte ich mir gewünscht, dass sie die Philosophie/Ideologie hinter Freier Software teilen würden. So wie wir die Kurse angeboten haben und uns erhofft haben, dass die Erkenntnis, das andere (Programmierer) das Wissen frei teilen, sie zu auch zum Mitmachen also zum Weitergeben und damit zum Teil der Freien Software Gemeinschaft bewegen könnte. Oft war ich daher etwas ernüchtert. Zu oft kam es leider auch vor, dass wenn die ehemaligen Teilnehmer einen Laptop erwerben konnten, schon eine gecrackte Version von Windows oder Office drauf war, so dass sie nicht einsahen, warum sie jetzt diese löschen sollten und lieber eine legale freie Software installieren sollten. 

Dies war nur ein Teil meiner Tätigkeit im Casa de Cultura (nebst dem Wiederaufbau der Musikschule und Aufbau einer Musiker-Community). Zwischenzeitlich hatten wir auch den Plan, die Bibliotheksbestand mit einer Software wie z.B. Koho zu erfassen, damit der Benutzer selber den Bestand abfragen konnte (was heute in jeder schweizerischen Schul- und Gemeindebibliothek der Normalfall ist). Wir merkten aber der Aufwand und der Nutzen sind nicht lohnen. In einem urbanen Kontext hätte das vielleicht Sinn gemacht, aber auf dem Land nicht. Im Allgemeinen konnte ich feststellen, dass Bücher zwar teuer in der Anschaffung sind, aber das Lesen nicht zu den Lieblingsbeschäftigungen der Nicas gehört, sondern meist in Auftrag einer Sekundarschule oder Universität geschieht. Daher ist die Ausleihe in der Bibliothek auf tiefem Niveau. 

Nebst den Kursen für die Lehrpersonen hatte ich auch Gelegenheit, um mich mit Blinden auszutauschen, welche Audio-Software ihnen dienen könnte, z.B. um Jingles fürs Radio zu machen (lukratives Nebengeschäft, da es viele Lokalradios gibt). Gleichzeitig konnte ich der Partnerorganisation, wo meine Frau arbeitete, mit Gymnasiasten, die ein Stipendium bekommen und dafür in der Sensibilisierungsarbeit mithelfen, zeigen, wie Grafik, Audio und Video mit freier Software funktioniert und wie man eine Wordpress-Webseite unterhält.