Fvwm: Desktop für Profis

Mi, 17. Februar 2021, Niklas

In einem Kommentar zu meiner Vorstellung des Enlightenment Desktops wurde ich darauf hingewiesen, dass es noch eine weitere Desktop-Oberfläche der ganz anderen Art gibt, die nicht in unserer Desktop Environment Übersicht vorgekommen ist: F? Virtual Window Manager. Ich habe die Software ausprobiert und für interessant befunden. Geeignet ist sie jedoch nur für Profis.

Fvwm wurde bereits im Jahr 1993 als Fork von TWM gestartet und seitdem stark erweitert. Als aktuelle stabile Version gilt Fvwm2, das keine Funktionsupdates mehr erhält. Fvwm3 wird zurzeit aktiv entwickelt. In meinen Screenshots verwende ich Fvwm2 aus dem Arch Linux Repository.

Fvwm bietet kaum grafische Einstellungsmöglichkeiten, sondern kann durch eine Konfigurationsdatei umfassend angepasst werden. In der Standardkonfiguration kann es nicht viel: Es zeigt die Fenster und hat rechts eine Taskleiste, die die offenen Programme anzeigt. Ausserdem zeigt die Taskleiste die Uhrzeit und das Datum. Tray Icons werden nicht angezeigt. Ein Startmenü ist ebenfalls nicht vorhanden. Eine Art abgespecktes Startmenü erhält man, wenn man auf den leeren Bereich klickt.

Der Bildschirm ist in vier Bereiche aufgeteilt, von denen man den links oben sieht. Schiebt man die Maus an den rechten oder unteren Rand, wechselt man auf einen anderen Bildschirmbereich. Mit den Nummern 0 bis 3 in der Taskleiste kann man zwischen den vier vorhandenen Arbeitsflächen wechseln. Das finde ich sehr vorteilhaft umgesetzt.

Die grosse Stärke von Fvwm liegt jedoch nicht in seiner funktionell enttäuschenden Standardkonfiguration mit altbackenem Design, sondern in seiner Erweiterbarkeit. Es gibt bereits einige vorgefertigte Konfigurationen, die den langweiligen Window Manager zu einem vollwertigen Desktop in geschmackvollem Design erweitern.

FVWM-Crystal kann da schon etwas mehr. Es hat eine Art Startmenü, unterstützt einige grafische Einstellungsmöglichkeiten und kann Screenshots aufnehmen. Vorher musste ich dazu ein Terminalprogramm benutzen. Aber auch FVWM-Crystal hat noch nicht besonders viel mit einem herkömmlichen Desktop gemeinsam.

Am meisten überzeugt Fvwm-Nightshade. Hier kann man schon von einer vollwertigen Desktop-Oberfläche sprechen. Es kommt mit minimalen grafischen Einstellungsmöglichkeiten, einem leichtgewichtigen Dateimanager und einer traditionell gehaltenen Taskleiste mit Startmenü. Es bringt verschiedene Themes mit. Für vier der Themes sind auch passende GTK Themes vorhanden. Damit passt das Aussehen von GTK basierten Programmen besonders gut zum restlichen Desktop.

Fvwm ist nicht besonders verbreitet und das hat auch einen guten Grund: Mit den grossen Desktops kann es nicht mithalten, weder funktional, noch bei der Benutzerfreundlichkeit. Und doch hat es eine Nische, für die es gut funktioniert: Die Nerds, die alles am liebsten in Konfigurationsdateien selbst anpassen wollen. Und alte Geräte, denn was CPU Last und RAM Verbrauch betrifft, beansprucht Fvwm die Hardware nur minimal. Arch Linux mit Fvwm-Nightshade ohne weitere geöffnete Programme braucht gerade einmal 300 MB RAM.

Quellen:

Naja
Geschrieben von Naja am 18. Februar 2021

Leute, die Änderungen in Konfigurationsdateien eintragen, sind also Nerds? Interessant! :-)

bboett
Geschrieben von bboett am 18. Februar 2021

Ehm... Mal selber das Ding anpassen? So schwierig oder kompliziert ist das nun wirklich nicht... Z.B. einen virtuellen Desktop einstellen der 3x3 Bildschirme groß ist? Wo ich die Fenster zum Teil in mehreren Bereichen überlappen lasse? Das erlaubt es mir am Code zu arbeiten und die Compiler/Laufzeit Logs im Auge zu behalten? Etwas was (abgesehen von e) kein "moderner" Desktopmanager kann?

tux.
Geschrieben von tux. am 18. Februar 2021

Allein dafür, mal wieder Netsurf außerhalb meines eigenen Systems zu sehen, war’s die Empfehlung wert...

Ja, fvwm bedarf einiger Handarbeit. Allerdings ist das Web seit den Neunzigern auch ein reicher Ursprung für mehr als genug „runterladen und läuft“-Konfigurationen anderer Leute. Ich kenne tatsächlich Menschen, die schwören auf fvwm(2). Klar: Einmal eingerichtet, läuft es genau so, wie man es gern hätte. Das kriegt auch KDE nie so flexibel hin.