Ihr habt die Meldung vermutlich schon am Freitag gelesen. Unter der Federführung der Branchengrössen Ionos
und Nextcloud wurde am 27. März 2026 in Berlin eine neue europäische Initiative vorgestellt, die eine eigene freie Office-Suite namens „Euro-Office“ entwickelt. Da alle Tech-Portale darüber berichtet haben, erspare ich mir das Wiederkäuen. Daher nur ein paar kurze Fakten:
- ONLYOFFICE ist eine Office-Suite mit hoher Kompatibilität zu den Microsoft-Office-Formaten. Wir berichteten.
- Die Suite gibt es in einer Web-basierten und einer Desktop-Variante.
- Dahinter steht die lettische Firma Ascensio System SIA, der Verbindungen zu Russland nachgesagt werden.
Da ONLYOFFICE freie Software ist (AGPL-Lizenz), war der Fork rechtlich kein Problem. Hinter der Initiative stehen mehrere Firmen, bzw. Organisationen: IONOS, Nextcloud, EuroStack, XWiki, OpenProject, Proton, Soverin, Abilian und BTactic. Euro-Office kann man bereits jetzt als Docker-Image ausprobieren:
docker pull ghcr.io/euro-office/documentserver:latest
docker run -i -t -d -p 8080:80 --restart=always -e EXAMPLE_ENABLED=true -e JWT_SECRET=my_jwt_secret ghcr.io/euro-office/documentserver:latest
Im Sommer sollen DEB- und RPM-Pakete folgen.
Wie wird der Fork begründet?
Diese Frage beantwortet das Projekt so:
Der Code wird derzeit umfassend überprüft und bereinigt, mit dem Ziel, das Erstellen von Builds und das Einbringen von Beiträgen zu vereinfachen. Warum haben wir uns für einen Fork entschieden, anstatt zusammenzuarbeiten? Leider war eine offene Zusammenarbeit mit ONLYOFFICE aus mehreren Gründen nicht möglich:
- Das Einbringen von Beiträgen ist unmöglich oder wird stark erschwert. ONLYOFFICE prüft oder akzeptiert Pull-Anfragen in der Regel nicht. Die Anleitungen zum Erstellen von Builds sind unzuverlässig, veraltet oder funktionieren schlichtweg nicht.
- Das Unternehmen trifft regelmäßig umstrittene Entscheidungen, wie die Abschaltung von Funktionen in den mobilen Apps, beispielsweise der mobilen Bearbeitung, und die Entfernung eines Administrator-Panels.
- Es mangelt an Transparenz. Commit-Meldungen, sofern sichtbar, verweisen oft nur auf eine Issue-Nummer in einem internen Issue-Tracker. Es gibt eine ganze Reihe von Binär-Blobs und kompilierten oder verschleierten Code-Blobs. Die meisten internen Code-Kommentare sind auf Russisch, was die Arbeit erschwert.
- Die mobilen Apps sind nicht wirklich Open Source, sondern lediglich Wrapper. Beispiel. Die Apps enthalten umfangreiche proprietäre Abschnitte, die neu implementiert werden müssen. Die Arbeit daran ist im Gange.
- ONLYOFFICE ist ein russisches Unternehmen (trotz vieler Versuche, dies zu verbergen), und fast alle Entwickler sind in Russland ansässig. Open Source ist eine globale Initiative, aber die aktuelle politische Lage erschwert die Zusammenarbeit und macht es schwer, Vertrauen zu gewinnen. Vor allem, wenn die Entwicklung nicht transparent und offen ist. Viele Nutzer und Kunden benötigen Software, die nicht potenziell von der russischen Regierung beeinflusst oder kontrolliert wird.
Konkurrenz im freien Lager?
Wenn es um freie Software geht, ist Konkurrenz das falsche Wort. Der Begriff "Wahlfreiheit" gefällt mir besser. Dennoch drängt sich die Konkurrenzfrage auf, weil hinter den Paketen Firmenangestelle stehen, die ihren Lebensunterhalt verdienen sollen. Aktuell gibt es diese Angebote an Office-Suiten für Linux:
- LibreOffice (auf dem Desktop)
- Collabora (basiert auf LibreOffice; gibt es als Web- und Desktop-Version)
- GNOME-Office: AbiWord und Gnumeric
- Calligra (aus dem KDE-Umfeld)
- ... und die Unfreien:
- Softmaker-Office und FreeOffice aus Nürnberg (ist proprietär)
- WPS-Office (aus China)
Warum brauchen wir Euro-Office?
Diese Frage soll weder andeuten, dass wir Euro-Office brauchen, noch, dass wir es nicht benötigen. Die Frage sollte neutral verstanden werden. Die FAQs des Projektes liefern ein paar sinnvolle Antworten:
Wie schneidet Euro-Office im Vergleich zu IONOS Workspace, office.eu, der Proton-Produktivitätssuite, Nextcloud Hub oder XWiki ab:
Euro-Office ist eher eine Integrationskomponente. Es übernimmt lediglich die eigentliche Dokumentbearbeitung. Speicherplatz sowie Navigation, Berechtigungen und Freigabelogik müssen von einer Plattform bereitgestellt werden, in die es integriert ist, wie beispielsweise Proton Docs, Nextcloud Hub oder OpenProject.Warum wurde eine neue Office-Suite benötigt?
Wir sahen Bedarf an einer moderneren Suite mit hervorragender MS-Kompatibilität und ausgezeichneten Anwendungen für Desktop- und Mobilgeräte.
Warum haben Sie nicht mit LibreOffice und Collabora Online zusammengearbeitet?
Wir sind der Ansicht, dass es bei Open Source um Zusammenarbeit geht, und suchen nach Möglichkeiten zur Integration und Zusammenarbeit mit der LibreOffice-Community und Unternehmen wie Collabora. Es gibt bereits einige Ideen für eine Zusammenarbeit, beispielsweise beim Dokumentkonverter.
Fazit
Bezüglich des Produktes kann ich kein Fazit ziehen, weil ich zwar ONLYOFFICE kenne, Euro-Office jedoch noch nicht getestet habe. Grundsätzlich halte ich es für eine gute Idee, mehr Vielfalt auf den europäischen (und damit auch auf den internationalen) Markt zu bringen. Freie Software ist für alle da – nicht nur für Europäer:innen. Ich kann mir vorstellen, dass die Ascensio System SIA aus Riga über diesen Fork nicht erfreut sein wird.
Es würde mich freuen, wenn jemand von unseren Docker-kundigen Leser:innen, Euro-Office einmal installiert und den ersten Eindruck darüber für die Community aufschreibt.
Titelbild:
https://pixabay.com/photos/europe-europe-day-european-flag-5198326/
https://freesvg.org/programmer-working-at-the-office-desk
Quellen: im Text und:

Danke für die mal andere Zusammenfassung Ralf. Auf linuxnews.de gab es bereits eine angeregte Diskussion dazu. Nach deiner Zusammenfassung finde ich das Projekt gar nicht so verkehrt. Auf linuxnews habe ich noch Zweifel gehegt bzw. war eher dagegen wie dafür.
Dem schließe ich mich voll und ganz an ! Vielen Dank auch von mir !!
Onlyoffice hatte ich mir schon ein paar Mal angeschaut, auf dem Desktop und mobil. Das konnte nie LibreOffice (Desktop) oder SoftMaker Office (Android) das Wasser reichen. Optisch ganz gut, aber das war es auch. Selten stabile Ergebnisse. Eigentlich hätte ich mal die integrierte Nextcloud-Anbindung nutzen wollen. Ging leider überhaupt nicht. Für mich eigentlich unbegreiflich, wie diese Software eigentlich überhaupt für irgendwen relevant sein kann, sorry.
Warum sich mit LibreOffice aber nichts ergeben hat, verstehe ich nicht ganz. Das Projekt ist doch ziemlich gut etabliert.
Der Riesenbonus von ONLYOFFICE ist doch das PDF-Modul - das kann sogar Adobe Acrobat das Wasser reichen. Damit kannst Du so gut wie alle PDF-Bearbeitungen und Erstellungen durchführen. Bei den anderen Anwendungen magst Du Recht haben.
Komisch bei mir funktioniert die Einbindung in NC problemlos und liefert auch auf dem Desktop solide Ergebnisse.
Aber gleich den Nutzen für alle Anwendungsfälle absprechen zu wollen, sagt wohl alles zu diesem Kommentar.
Wettbewerb ist immer gut. Das größte Problem das jedes neue Officepaket hat, ist gegen das riesengroße Bundling (Outlook, Teams, Onedrive etc.) von Microsoft anzukämpfen. Trotzdem ist es ein recht besonderes Phänomen, dass in den drei klassischen Anwendungsbereichen von Computern: Textverarbeitung, Kalkulation und Datenbank ausschließlich nur bei letzterem gefühlt 200+ verschiedene Alternativen existieren. Gut, es gibt zwar auch sehr viele Texteditoren aber nur relativ wenige mit WYSIWYG Features, und dann fehlt eben dieses Komplettpaket. Bei einem guten Office-Paket kommt es doch heute vorrangig auf die enge Verzahnung der einzelnen Komponenten an. Es ist echt unglaublich und unheimlich zugleich, wie gut Microsoft es anfangs nur mit Word & Excel geschafft haben fast den gesamten Markt zu bekommen und damit tatsächlich immer noch dominierend sind.
Nun das Komplettpaket ist ja eben Nextcloud. Bei Ms ist die Verbindende Komponente Sharepoint. Ich habe tatsächlich noch etwas mühe mit der Teams Alternative. Ich verstehe nicht so ganz, warum die Matrix Integration so schlecht ist. In fast allen Tools wirkt es wie ein Fremdkörper. Ich hätte mir zudem gewünscht, sie hätten wie zu Deltachat sowas wie https://webxdc.org/ integriert.
Wettbewerb ist nur dann gut, wenn es ein Überangebot von prosperierenden Anbietern gibt. Wenn hingegen alle zu kämpfen haben, über die Runden zu kommen, frage ich mich, ob es wirklich sinnvoll ist, ein weiteres "freies" online office etablieren zu wollen. Wäre es nicht besser, bestehende Angebote mit den Drittmitteln zu verbessern, die offenbar unter der Devise "Eueopäische Souveränität" eingespielt werden?
"Viele Nutzer und Kunden benötigen Software, die nicht potenziell von der russischen Regierung beeinflusst oder kontrolliert wird." Ich sage dagegen: ALLE Nutzer und Kunden benötigen Software, die nicht potenziell von irgendeiner sog. Regierung beeinflusst oder kontrolliert wird. Am wenigsten von der EU.
Könnte noch spannend werden...
https://www.onlyoffice.com/blog/2026/03/onlyoffice-flags-license-violations-in-euro-office-project-by-nextcloud-and-ionos
Den zweitletzten Absatz finde ich bezeichnend:
Only after full compliance is ensured, we will be ready to address and discuss the inaccurate and misleading statements about ONLYOFFICE that have been made in connection with this project.Sie sind erst Diskussionsbereit, wenn sie feststellen, dass Euro-Office Rechtlich einwandfrei umgesetzt wird. --> Sie also keine Chance mehr haben die Kontrolle vollständig zu behalten.
FOSS wird kriegstüchtig.
Ich befürworte den Fork auch. Im Idealfall, könnte dadurch, Libreoffice und Onlyoffice sich annähern. Begrüssen würde ich es, wenn sich die OfficeProdukte in einer Konferenz zusammen tun und Bereiche definieren, wo sie zusammen arbeiten und ggf. einen einheitlichen Stack pflegen. bsp. bei der Microsoft Kompatibilität oder APIs.
Danke für die Zusammenfassung! Ich wundere mich über die rechtliche Lage bezüglich der Nutzung von ONLYOFFICE. Auf dem github von Euro-Office (https://github.com/Euro-Office/core/pull/29/commits/b0e45b00cd99dece228c1ca379ac47fd563a424e) wird behauptet es gäbe kein rechtliches Problem weil das ONLYOFFICE Logo weggelassen wurde. ONLYOFFICE behauptet in einer Stellungnahme auf ihrem github (https://github.com/ONLYOFFICE/) dass das ein breach of the applicable license darstelle. Kann mir jemand erklären wer hier recht hat und wieso? (Euro-Office gibt zu dem an, dass sie ihre Interpretation von dem Herausgeber der Lizenz bestätigt bekommen haben)
Die Rechtsabteilung von Ionos wird das im Vorhinein geprüft haben, die Russen sind einfach nur sauer, sind aber, wie immer, im Unrecht
Danke für die Darstellung! Klingt interessant; mal sehen, was bei den Lizenzstreitigkeiten rauskommt (ist nicht einfach AGPL) … Auf jeden Fall: bescheuerter Name!
Der Beitrag über Euro Office bietet Raum für einige kritische Betrachtungen. Die Initiative, getragen von Branchengrößen wie Ionos und Nextcloud, hat eine eigene freie Office Suite entwickelt, basierend auf ONLYOFFICE. Lizenzrechtlich unbedenklich – die AGPL-Lizenz steht das zu. Doch wirft die Entscheidung Fragen auf, insbesondere im Hinblick auf die Beweggründe.
Die Gründe für diesen Fork sind vielfältig und reichen von technischen Bedenken bezüglich der Akzeptanz von externen Beiträgen und der Zuverlässigkeit der Build Anleitungen für ONLYOFFICE bis hin zu geopolitischen Überlegungen. Man scheint besorgt über die Transparenz und die Herkunft des Entwicklungsunternehmens Ascensio System SIA aus Russland. Interessant, angesichts der jüngsten Geschichte, in der wir gelernt haben, wie wichtig es ist, sich nicht in Abhängigkeiten von einzelnen Energie oder Softwarelieferanten zu begeben.
Denn neben etablierten freien Office Suites wie LibreOffice, Collabora, GNOME Office und Calligra stellt sich die Frage nach der tatsächlichen Notwendigkeit von Euro Office. Ist es ein echtes Innovationsstreben oder doch eher der Wunsch nach einer europäischen Alternative, die gewisse geopolitische Unabhängigkeiten gewährleisten soll?
Besonders kritisch ist die Verknüpfung mit der deutschen Stack Initiative und deren Ziel einer zentralen digitalen Identität. Euro Office selbst führt keine Wallet ID ein, verknüpft sich aber nachträglich mit dieser Technologie. Warum diese zusätzliche Komplexität, wenn etablierte Open Source Lösungen bereits existieren? Dies weckt den Verdacht, dass hinter Euro Office mehr steckt als nur der Wunsch nach Transparenz und Unabhängigkeit.
Die Ankündigung der Verfügbarkeit als DEB und RPM Pakete ist sicherlich ein Schritt in Richtung einer breiteren Nutzerbasis. Es bleibt jedoch abzuwarten, ob Qualität und Funktionalität überzeugen können, insbesondere die Kompatibilität zu Microsoft Office Formaten und die tatsächliche Open Source Umsetzung der mobilen Apps.
Die Bereitstellung unter Windows über GitHub könnte zwar die Verbreitung beschleunigen, aber birgt auch Risiken hinsichtlich der Qualitätskontrolle. Dies könnte Vertrauensprobleme hervorrufen, insbesondere im Unternehmensbereich. Zudem wirft die Hosting Entscheidung auf GitHub, kontrolliert von Microsoft, Fragen nach den tatsächlichen Intentionen auf.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Euro Office ein interessantes, wenn auch kontroverses Projekt ist. Die Motive sind nachvollziehbar, doch es bleibt abzuwarten, ob die Suite tatsächlich einen echten Mehrwert bietet oder lediglich eine weitere Option im bestehenden Marktsegment darstellt. Die anfänglichen Probleme mit ONLYOFFICE lassen zudem vermuten, dass auch Euro Office mit Herausforderungen zu kämpfen haben könnte. Die Verknüpfung mit dem Deutschland Stack legt nahe, dass möglicherweise weitere Ziele verfolgt werden.