Open-Source Video-Editoren unter Linux

Do, 27. August 2020, Daniel Schär

Seit einigen Jahren buhlen viele Projekte im Bereich der freien nicht-linearen-Video-Editoren auf Linux um die Gunst der User. Lange hatte man als User immer die Qual der Wahl: Eher einfach und limitiert, oder dann eher professionell und dafür mit einer steilen Lernkurve. Glücklicherweise hat sich in beiderlei Hinsicht (Usability und Funktionalität) bei einigen Editoren etwas getan. Hier werde ich kurz drei quelloffene Editoren anschauen und vergleichen. Die drei Editoren laufen alle sowohl auf Linux als auch auf Windows und Mac OS. Dabei geht es nicht um reine Cutter- oder Compositing-Werkzeuge wie Avidemux oder Natron, sondern um Editoren, welche die Bearbeitung mehrerer Audio- und Video-Spuren auf einer Timeline erlauben. Nebenbei angemerkt: diese Editoren funktionieren alle mit ähnlichem Framework wie MLT und Ffmpeg und importieren und exportieren eine Vielzahl von Audio- und Video-Formaten. Alle drei Editoren existieren im AppImage-Format (aber auch auf anderen), wodurch die Anwendungen distributionsunabhängig laufen.
Ebenfalls gibt es in allen drei Editoren eingebaute Effekte und erlauben ein Export mit vorgegebenen Profilen, welche den Workflow erheblich verbessern.

Kdenlive

Kürzlich ist die neue Version 20.08 erschienen und Ralf hat über deren Neuerungen berichtet. Joël hat sich in seinem Artikel zu Kdenlive schon genauer mit dieser Anwendung beschäftigt. Kdenlive spielt in der Semi-Profi-Liga und nähert sich mit dem neusten Update in grossen Schritten der Profi-Liga. Dedizierte Oberflächen, Logging, Keyframes, Proxy-Editing und Colourgrading machen das Programm zu einem mächtigen Werkzeug. Jahrelang wurde in Foren die Instabilität bemängelt, woran die Entwickler aber in letzter Zeit hart gearbeitet haben. Kdenlive läuft spürbar besser und hat nur noch selten Stabilitätsprobleme. Die Wiederherstellung eines Projektes nach einem Crash ist mittlerweile ohne Probleme möglich. Kdenlive beherrscht das Gruppieren und Verschieben von Clip-Gruppen, das Setzen von Markern und die Wiedergabe in Vollbild. Das Audio-Editing hat sich verbessert, ist aber noch nicht auf dem Niveau von z.B. Blackmagic Designs Davinci Resolve (welches auch auf Linux läuft, jedoch nicht quelloffen ist). Besonders hervorzuheben ist die Anbindung an die Freesound-Datenbank im Programm selbst, wodurch Sounds sehr einfach (ein Account bei Freesound vorausgesetzt) gesucht und eingebaut werden können.

Die Sprachunterstützung der Programmoberfläche ist noch etwas mangelhaft auf Nicht-KDE-Desktops. Das Handbuch ist leider grösstenteils auf Englisch, Tutorials gibt es v.a. in Englisch und zu aktuellen Versionen. Das englische Forum zu Kdenlive ist aktiv.

Webseite: https://kdenlive.org/de/

Shotcut

Bei Shotcut (dessen Hauptentwickler Dan Dennedy ist) gibt es fast monatlich ein Update. Aktuell findet man die Version 20.07.11 (Jahr.Monat.Tag) auf der Webseite. Shotcut wirkt auf den ersten Blick einfacher und etwas aufgeräumter als Kdenlive. Lange fehlten wichtige Funktionen wie Keyframes oder Proxy-Editing, diese Features wurden aber nach und nach eingebaut. Die aktuellsten Neuerungen sind ein Slideshow Maker, Proxy-Editing, und 360° Video Filter. Greenscreening ist relativ einfach zu handhaben, die wichtigsten Audio-Filter (Compressor, Eq) und Video-Filter (Helligkeit, Kontrast, Colour, Stabilisieren, etc.) sind ebenfalls vorhanden. Der Text-Filter (um z.B. Untertitel einzufügen) läuft aber nach wie vor nur sehr instabil. Das Erstellen von Vorlagen ist dabei nicht möglich.
Was in der Zukunft noch kommen wird, ist die Unterstützung für Mehrfach-Auswahl von Clips, Gruppen in der Timeline, Marker, Multiple Playlists, Undo/Redo-Unterstützung für Filter.
Auch das Playback im Vollbildmodus fehlt aktuell noch, ist aber auf der Roadmap.
Ein richtiges Handbuch zu Shotcut gibt es leider nicht, dafür einige Erste-Schritte-Guides. Tutorials gibt es in Deutsch wie in Englisch und zu aktuellen Versionen.
Das englische Forum und die Community um Shotcut herum ist sehr aktiv.

Webseite: http://shotcut.org/

OpenShot

Der Editor, der von Jonathan Thomas initiiert wurde, liegt in der Version 2.5.1. vor. Die Oberfläche ist sehr übersichtlich und aufgeräumt. Jeder Einsteiger findet sich innerhalb von kürzester Zeit zurecht. Es gibt eine Vielzahl an Audio- (Compressor, Eq, etc.) und Video-Effekten (ausser Stabilisieren), inkl. Übergängen. Speziell hervorzuheben ist die Möglichkeit, dass man 3D-Titel erstellen kann, vorausgesetzt man hat Blender installiert. Ein grosser Nachteil von OpenShot ist, dass es nach wie vor öfters Abstürze beim editieren von umfangreichen und komplexen Projekten gibt. Leider gibt es auch und keine Wiederherstellungsoption. Ebenfalls gibt es keine GPU-Beschleunigung. Die Arbeit mit Keyframes ist bloss rudimentär (für wenige Effekte) und Features wie Proxy-Editing oder Colorgrading  sind gar nicht vorhanden. Leider ist nur ein englisches Benutzerhandbuch vorhanden, aber die Community ist aktiv (> 4000 Mitglieder). Tutorials finden sich v.a. zu älteren Versionen und teilweise in deutscher Sprache.


Ein interessanter Vergleich der drei Editoren:

https://www.youtube.com/watch?v=FVgu4E2CzFY