Haiku (Teil 8): Mein Fazit

Fr, 23. April 2021, Niklas

Nachdem wir im letzten Teil einen Blick in die Welt der Spiele auf Haiku geworfen haben, ist es jetzt an der Zeit für eine Schlussbilanz. Was hat überzeugt und begeistert? Wo liegen die grossen Stärken von Haiku? Wo kann Haiku noch besser werden? Welche Punkte waren enttäuschend?

Haiku punktet gleich zu Beginn mit einer sehr einfachen Installation durch ein hervorragendes grafisches Installationsprogramm. Ich habe den Prozess detailliert beschrieben, um auch weniger technisch versierten Nutzern eine Teilnahme zu ermöglichen, denn man muss kein Nerd sein, um Haiku zu verstehen und bedienen zu können.

Bei der Desktopumgebung herrscht Uneinigkeit. Ich persönlich finde sie absolut genial, in den Kommentaren sieht man sie als Kinderspielzeug. Fakt ist jedenfalls: Sie ist anders als das, was man von allen anderen gängigen Betriebssystemen kennt. Ob man den Schritt zu etwas komplett neuem wagen möchte oder doch lieber bei seinem gewohnten Desktop bleibt, wird wohl jeder selbst entscheiden müssen. Bei den Funktionen muss sich die Haiku Oberfläche aber gewiss nicht hinter Windows, KDE Plasma oder GNOME verstecken. Auch den Aufbau und die Bedienung des Desktops habe ich ausführlich beschrieben und einige Tipps und Tricks dazu verraten.

Bei der verfügbaren Software bleibt noch viel zu tun. Die Grundausstattung an Software ist zwar vom Umfang her durchaus mit anderen grafischen Betriebssystemen vergleichbar, native Haiku Programme sind aufgrund des geringen Marktanteils des Systems aber natürlich Mangelware. Dass man hier auch Programme auf Basis des Qt Frameworks nutzen kann, ist ein enormer Vorteil und trägt wesentlich zur Alltagstauglichkeit von Haiku bei.

Für ein Projekt, das von Freiwilligen in ihrer Freizeit getragen wird, ist das bisher Erreichte absolut beeindruckend. Im Vergleich zu Linux oder BSD kann es aber noch nicht mithalten. Ein weiterer unumgänglicher Schritt, der oft versucht wurde, aber bisher leider nicht gelungen ist, ist die Portierung des GTK Toolkit. Mit Firefox und Chromium benötigen beide grossen Browser diese Open-Source Bibliothek. Die Alternativen auf WebKit Basis lassen doch stark zu Wünschen übrig. Über die verfügbare Software habe ich ebenfalls ausführlich berichtet.

Überraschend erfreulich sieht hingegen die Auswahl an Spielen aus. Ich habe absolut nicht damit gerechnet, dass ich auf Haiku auch grössere und grafisch aufwändige Spiele spielen kann. Die Auswahl ist gross, die Performance überzeugt. Letzteres dürfte aber hauptsächlich meiner leistungsstarken CPU geschuldet sein. Auf den meisten Geräten wird der Universaltreiber VESA für die Grafik verwendet. Hardwarebeschleunigung ist damit nicht möglich. Mehr zu den Grafiktreibern.

Allgemein sind die Treiber der grosse Schwachpunkt, was bei einem Betriebssystem mit so geringem Marktanteil aber auch zu erwarten war. Haiku hat seinen eigenen Kernel, der fast immer auch eigene Treiber braucht. Nur bei den Netzwerktreibern wurde eine Kompatibilitätsschicht mit FreeBSD implementiert, da hier besonders viele verschiedene Treiber existieren und ein Universaltreiber nicht vorhanden ist.

Diese Kompatibilitätsschicht beschränkt sich allerdings auf PCI-Netzwerkkarten. Mit den meisten Desktop Computern oder einem Laptop, dessen integrierter WLAN-Chip nicht unterstützt wird, steht man hier also vor einem grossen Problem. USB Tethering vom Handy ist nicht möglich und USB WLAN Sticks werden ebenfalls nicht unterstützt. Hier hilft dann nur eine Wi-Fi Bridge mit LAN Anschluss, denn der eingebaute LAN Anschluss sollte in den meisten Fällen unterstützt werden.

Wenn man Haiku ausprobieren will, sollte man auf jeden Fall bedenken, dass es sich nach wie vor um eine Beta-Version handelt. Haiku kann sehr gut funktionieren, wenn man die passende Hardware hat und bereit ist, an der einen oder anderen Ecke auch mal ein bisschen Zeit zu investieren, wenn etwas nicht sofort klappt.

Auf meinem Lenovo 3000 N200 Testlaptop sind alle Treiber vorhanden, sogar ein Grafiktreiber mit Hardwarebeschleunigung. Das WLAN ist allerdings ziemlich instabil. Auf meinem Desktop PC, einem alten Eigenbau eines Gamers, den ich übernommen habe, läuft Haiku auch hervorragend und kommt gut mit den Treibern zurecht. Nur die eingebaute WLAN-Karte wird nicht erkannt, hier habe ich eine Wi-Fi Bridge mit LAN bestellt, mit der ich nun schnell und stabil ins Internet komme. Für die Grafik wird hier nur VESA benutzt.

Auf meinem neueren Laptop, einem Medion Akoya E2293, ist Haiku allerdings vollkommen unbrauchbar. Der Installationsstick bootet einmalig bis zum Desktop und friert dann sofort ein. Alle weiteren Versuche enden damit, dass es bereits während dem Bootvorgang einfriert. Hier habe ich zuvor auch mit BSD weniger erfreuliche Erfahrungen gemacht. Deshalb meine Empfehlung: Nehmt lieber etwas ältere Hardware zum Ausprobieren von OS-Exoten. Da werdet ihr viel weniger Ärger mit den Treibern haben.

Letztendlich kann ich Haiku eine Alltagstauglichkeit mit gewissen Einschränkungen bescheinigen. Mich hat der Versuch mit Haiku so begeistert, wie meine erste Erfahrung mit Linux damals, vor vielen Jahren. Ich werde Haiku weiterhin als Hauptsystem auf meinem Desktop Computer verwenden und bin gespannt, was kommende Updates noch bringen werden. Ab sofort werde ich hier regelmässig über Neuigkeiten, Tipps und Tricks und anderen Bereichen rund um dieses grossartige Nischen-OS berichten.

Wer noch nicht parallel zur Serie selbst mitgemacht hat, dem kann ich dringend empfehlen, das nachzuholen. Hier geht es noch einmal ganz zum Anfang. Abschliessend möchte ich noch auf die freundliche und hilfsbereite Community von Haiku hinweisen. Wenn ihr an irgendeiner Stelle nicht weiter kommt, dann fragt doch einfach im Matrix Raum oder im Forum um Rat. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass die auch sehr geduldig mit ahnungslosen Anfängern sind.

Quellen:

Horst
Geschrieben von Horst am 24. April 2021

Auch wenn ich kritische und sicher sehr subjektiv gefärbte Kommentare hier zu HAIKU geschrieben habe, bedanke ich mich herzlich für die ausführlichen Informationen zu diesem Betriebssystem. Thx!

Ich finde an HAIKU bemerkenswert, wie schlank und dennoch nutzbar er daherkommt. Meine kritischen Beiträge rühren daher, dass ich HAIKU auf meinem Laptop als vollwertiges Arbeitswerkzeug einsetzen wollte, manche Dinge wie zum Beispiel mein Drucker (Brother DCP-1512 mangels Treiber) aber leider noch nicht zum laufen zu bringen sind. Ich bin überzeugt, dass sich dies in der Zukunft ändern wird.

Andere Dinge mußte ich erst lernen (zum Beipiel, wie man USB`s zum Einhängen bringt). Den Theme-Manager finde ich für mich wertvoll, weil er den Tracker mit dem erstem Theme zum horizontalen Panel macht. Dadurch hat man bei einem maximierten Fenster rechts mehr Platz, den sonst der Tracker belegt.

Ich habe also gelernt, dass ich solch eine eigenständige Oberfläche erst genauer kennenlernen muß, bevor ich vorschnell urteile.

Nochmals Danke für die HAIKU-Reihe und Good Luck für die Zukunft von HAIKU.

nipos
Geschrieben von nipos am 25. April 2021

Vielen Dank fuer das positive Feedback. Zum Drucker: Funktioniert dieser denn mit Linux? Dort wird eigentlich der gleiche Treiber genutzt, Gutenprint, und der scheint das genannte Drucker Modell allgemein nicht zu unterstuetzen. Hier die Kompatibilitaetsliste: http://gimp-print.sourceforge.net/p_Supported_Printers.php Ich hab uebrigens auch ein paar Tage gebraucht, um mich an die Oberflaeche zu gewoehnen. Die Deskbar kann man sogar im Standard Theme nach unten ziehen. Das haette ich vielleicht erwaehnen sollen in einem Beitrag. Einfach an dieser kleinen vertikalen Leiste mit den Punkten packen und nach unten ziehen, dann erreicht man eine Windows-aehnliche Taskleiste.

2711chrissi
Geschrieben von 2711chrissi am 24. April 2021

Danke für die tolle Artikelserie! Haiku sieht sehr spannend aus und mein Interesse ist geweckt.

FraWoh
Geschrieben von FraWoh am 24. April 2021

Auch von meiner Seite besten Dank für die Serie. Hatte bisher durchaus schon was von Haiku gehört, wäre aber nie auf die Idee gekommen, das zu installieren. Bei der Vorstellung der verfügbaren Software hast Du mich dann überzeugt - dass sogar LibreOffice am Start ist, hebt das Ganze irgendwie von BetaStatus auf "ProfiNiveau"... (so ein Ding würde nicht laufen, wenns überall noch buggy wäre!) Nun kommt das Dingens auf meinen alten Probierlaptop (anstelle dem angedachten siduction). Bin mal gespannt :-)

nipos
Geschrieben von nipos am 24. April 2021

Freut mich, dass dir diese Serie weitergeholfen hat. Auf dem alten Probierlaptop wird es bestimmt ausgezeichnet funktionieren. Und offiziell ist Haiku zwar noch Beta, aber das merkt man eigentlich kaum. Es laeuft alles schon total stabil und wirkt sehr gut ausgereift.

postlet
Geschrieben von postlet am 23. April 2021

Danke für die Artikelserien. Haiku hat ein Bisschen mehr Aufmerksamkeit durchaus verdient. Einigen Lesern mag dein Enthusiasmus für dieses Betriebssystem möglicherweise etwas befremdlich sein, weil wohl nicht alle die gleiche Spielfreude mit der Technik teilen. Ich für meinen Teil kann mich aber deinen Darstellungen und deinem Fazit soweit anschließen.

Bei der Alltagstauglichkeit mangelt es vorwiegend daran, dass am Ende jeder für sich selber entscheiden muss, was genau das eigentlich bedeutet. Dabei spielt inzwischen hardwarebeschleunigte Webtechnologie eine nicht unwesentliche Rolle und vielleicht noch jede Menge andere Sache, die ich im fortgeschrittene Alter eines Wählscheibenkenners bestenfalls ansatzweise nachvollziehen kann.

Zum Thema Hardwarekompatibilität möchte ich noch gerne ergänzen, dass man tatsächlich auch Drucken (Gutenprint) und Scannen (SANE) kann. Den Treiber für den Parallelanschluss musste die Entwickler leider wieder aus dem Kernel werfen, weil das wahrscheinlich eine Kopiernudel aus dem geleakten BeOS-Quellcode war. Aber über USB oder Netzwerk funktionierte das geradezu überraschend gut. Scanner muss halt - wie unter Linux auch - vom SANE-Projekt mit einem Treiber unterstützt werden, Drucker sollte idealerweise PCL-kompatibel sein.

In diesem Sinne, schönes Wochenende!

nipos
Geschrieben von nipos am 24. April 2021

Da stimme ich vollkommen mit dir ueberein. Solche Nischenprojekte sind einfach wahnsinnig interessant. Und man kann sich da auch besser rein finden, als in den riesigen Linux Quellcode, was es gerade fuer mich als Entwickler noch interessanter macht. Ich hoffe sehr, dass das mit den modernen Webtechnologien irgendwann auch noch klappt. Das Haiku Team arbeitet sehr fleissig daran, den eigenen WebKit Port auf eine neuere Version zu bringen. Das Problem daran ist halt leider, dass WebKit (oder Safari allgemein) sich langsam in Richtung eines neuen Internet Explorers entwickelt. Da wuerde ich schon ganz gerne Firefox oder notfalls auch irgendwas auf Chromium Basis als Alternative sehen.

chris_blues
Geschrieben von chris_blues am 23. April 2021

Vielen Dank für diese schöne Reihe! Gerne mehr davon; ich hab sie mit Interesse verfolgt und freue mich auf deine nächste Entdeckungsreise!

nipos
Geschrieben von nipos am 24. April 2021

Vielen Dank fuer das positive Feedback. Die naechste Reihe ist tatsaechlich schon in Planung, da soll es dann um verschiedene Distributionen fuers PinePhone gehen. Wird aber noch eine oder zwei Wochen dauern, bis ich damit anfange.