Serie – Fediverse-Dienste: writefreely

Do, 25. August 2022, Fabian Schaar

Soziale Netzwerke und somit auch das Fediverse bestehen zu einem sehr grossen Teil aus Microblogging, also kurzen Textnachrichten, einigen Bildern und ein paar Videoschnipseln. Das muss sicherlich nicht unbedingt ein Nachteil sein; Plattformen wie Mastodon und so gesehen natürlich auch Twitter setzen immerhin genau auf dieses Konzept.

Doch auch das Microblogging hat seine Schwächen: Microblogging ist schnell, oftmals eher ein winziges Statusupdate als irgendetwas anderes. Microblogging scheint nicht einfach nicht dafür gedacht zu sein, sich ausgiebig über Themen auszutauschen - blöd nur, dass gerade Twitter zu einer der grössten Diskussionsplattformen geworden ist: In diesem Beitrag möchte ich einerseits eine Lanze brechen für klassisches Blogging und gleichzeitig writefreely vorstellen.

Shitstorms gehören gerade auf Twitter dazu; wer diesen Tornados der verbalen Exkremente nicht ausweichen kann, wird schnell einmal an den digitalen Pranger gestellt. Das mag mal mehr, mal weniger gerechtfertigt sein, eine sinnvolle Diskussionskultur ist das aber auf keinen Fall.

Das Fediverse wird immer wieder als eine sehr freundliche, grosse Gemeinschaft gesehen. Einige sehen im Fediverse die perfekte Umsetzung der Idee sozialer Netzwerke. Doch auch wenn das Fediverse freundlicher ist als andere Plattformen: Missverständnisse bleiben nie aus - zumindest, wenn die Zeichenzahl von Beiträgen eingeschränkt wird:

Als ich Mastodon kennengelernt habe, kamen mir die üblichen 500 Zeichen sehr grosszügig vor, ich habe auch Instanzen benutzt, die 1000 Zeichen zulassen. Das war schon eine Erfahrung, immerhin war ich davor nur die rückblickend sehr spartanischen 240 Zeichen von Twitter gewohnt. Heute, nach beinahe eineinhalb Jahren im Fediverse schreibe ich einen Text, in dem ich mich über die Zeichenbegrenzung auf Mastodon beschwere. (Meinen Twitter-Account bin ich übrigens losgeworden.)

Mein Argument wollen manche vielleicht nicht als solches durchgehen lassen: Für mich macht es einfach sehr wenig Sinn, Kommunikationswege derartig einzuschränken: Diejenigen, die Kurznachrichten schreiben wollen, können das auch dann machen, wenn ich lange Texte schreiben darf, oder? Wenn man eine Zwischenmeldung absetzen will, mag Microblogging sehr gut funktionieren - wenn man aber ein Thema diskutieren möchte, kommt man meiner Ansicht nach schnell an die selbst gesteckten Hürden.

Das schöne am Fediverse ist und bleibt, dass auch Nörgler wie ich auf ihre imaginären Kosten kommen: In diesem Beitrag soll es um Blogging der ausführlichen Art im Fediverse gehen.
Dabei bieten sich zwei Plattformen besonders an: Plume und writefreely - in diesem Artikel möchte ich auf letztere eingehen.

Writefreely ist langweilig - zumindest für diejenigen, die blanken Text verabscheuen, auf Bilder und schöne Grafiken stehen. Doch für mich ist die Plattform genau richtig:

Wie Mastodon auch setzt writefreely (kurz wf) auf Dezentralität. Auch hier gibt es viele Instanzen, bei denen man sich schnell und kostenfrei anmelden und losbloggen kann. Auch hier kommt das weitverbreitete Fediverse-Protokoll ActivityPub zum Einsatz. Writefreely selbst ist hauptsächlich in Go geschrieben.

Möchte man loslegen zeigt sich wf sehr minimalistisch: Nach der Anmeldung erwartet alle Schreiberlinge eine blanke Website, die nur darauf wartet, mit den richtigen Tastenanschlägen gefüllt zu werden.

Dabei spielt sich die Oberfläche keinesfalls auf, wird nie kompliziert und bleibt in aller Regel äusserst selbsterklärend. Alle Texte werden in Markdown formatiert, Überschriften setzt man also mit einem einfachen #, Unterüberschriften mit ## und so weiter. Auch fetter und kursiver Text lässt sich umsetzen, indem ein Wort mit der entsprechenden Markdown-Syntax versehen wird:

Sollte das CSS nicht angepasst worden sein, sieht ein fertiger Beitrag so aus:

Die Blogs, die mit wf erstellt werden, bringen nicht viel Schnickschnack mit und sind auf keinen Fall überladen. Und doch bietet die simpel anmutende Oberfläche teils mehr als man denkt: Durch einfaches anpinnen können einzelne Seiten erstellt werden; diese werden dann in einer Navigationsbar immer oben im Blog angezeigt. So können beispielsweise sehr einfach Impressum oder Kontaktangaben eingebunden werden.

Ausserdem kann das CSS der Seite angepasst werden; einige Instanzen erlauben es auch, einen bestimmten Text an jeden Blogeintrag anzuhängen. Das ist gerade dann praktisch, wenn immer eine bestimmte CreativeCommons-Lizenz angegeben werden soll.

Gerade, wenn ein Blog auf wf oder von wf migriert werden soll, sind die Import- und Exportfunktionen des Content Management-Systems sehr praktisch. Sollte die genutzte wf-Instanz dies unterstützen, kann mit writefreely auch der Instanz-Feed gelesen werden, was vermutlich gerade dann interessant werden kann, wenn man eine Community auswählt (oder aufsetzt), mit der man viele Interessen teilt.

Zu sehen sind die unterschiedlichen Exportoptionen, die writefreely bietet: Dabei können entweder der komplette Account oder nur die veröffentlichten Texte exportiert werden.

Eine Funktion stellt aber alle anderen in den Schatten: Die Integration mit dem Fediverse. Sobald ein Blog erstellt wird, wird auch ein Fediverse-Profil angelegt. Dieses funktioniert sogesehen als ein sehr einfacher Feed. Nutzerinnen und Nutzer von Plattformen wie Mastodon, Friendica und vielen mehr können einem solchen Profil ganz normal folgen und sich dann darauf freuen, immer wieder aktuelle Blogartikel in ihren Feed gespült zu bekommen. Kommt Mastodon zum Einsatz, wird nur die Überschrift ausgegeben. In Friendica wird der gesamte Artikel angezeigt.

In Kombination mit Friendica-ähnlichen Plattformen kann das Blogging mit writefreely sehr viel interaktiver werden: Ich habe friendica beispielsweise so eingestellt, dass jeder Blogeintrag meines wf-Blogs automatisch geteilt wird. Dann werde ich automatisch über alle Änderungen des entsprechenden Threads informiert und kann über Friendica direkt mit Leserinnen und Lesern diskutieren oder Fragen klären.

Hier zeigt sich meiner Ansicht nach die Stärke von writefreely als Blog mit Fediverse-Anbindung: Die Plattform kombiniert ein ablenkungsfreies Schreibgefühl ohne Blingbling mit einer der angenehmsten Internetcommunities: Der des Fediverse. Vorbei sind die Zeiten, in denen längere Inhalte auf dutzende Tröts aufgeteilt werden mussten! Natürlich löst writefreely alteingesessene Content-Management-Systeme nicht von heute auf morgen ab. Und doch finde ich die Plattform sehr spannend.

Sicherlich ist der vergleichsweise schmale Funktionsumfang für manche Abschreckend. Auch die rein englischsprachige Oberfläche des Backends ist meiner Ansicht nach ein ganz klarer Kritikpunkt. Bei bestimmten Details unterscheiden sich die verschiedenen Instanzen, hier kann man sich natürlich durchprobieren, immerhin lässt sich ein Testblog sehr einfach löschen. Schade ist allerdings, dass writefreely im Vergleich recht wenige Instanzen vorzeigen kann: Sicher, es gibt ausreichend viele, einige erlaube eine kostenfreie Anmeldung, andere nicht. Bei der Suche kann die Webseite fediverse.observer sehr behilflich sein. Wenn man entsprechende Hardware zur Verfügung hat, kann man natürlich auch eine "eigene" Instanz hosten.

Das Hosting beschränkt sich aber nicht nur auf kleine Communities oder Privatpersonen: Mit write.as betreiben die Macher von writefreely - in erster Linie ist das Hauptentwickler Matt Baer - selbst eine Instanz, die kostenpflichtig genutzt werden kann. Am ehesten ist dieser Ansatz mit wordpress.com vergleichbar; diese Seite nutzt Wordpress und bietet einige kommerzielle Dienste drumherum an.

Mit write.as lassen sich noch einige weitere Funktionen nutzen, so etwa die Bildeinbindung mit snap.as oder eigene Domains (ohne Selbsthosting). Für einen einfachen Blog halte ich aber eine writefreely-Community aber für mehr als ausreichend.

Writefreely ist freie Software, die unter der GNU Affero General Public License, einer modifizierten Form der GPL mit einem besonders starken Copyleft, veröffentlicht wird. Der Quellcode wird auf GitHub gehostet:
github.com/writefreely/writefreely

Dieser Beitrag beruht massgeblich auf meinen eigenen Erfahrungen mit writefreely. Genauere Informationen finden sich auf der offiziellen Projektseite writefreely.org.

Sonstiges:

Die Bilder in diesem Beitrag sind Screenshots von writefreely.org oder der Instanz blog.fedi.tech.

Tags

writefreely, Fediverse, Blogging, CMS